28. Dezember 1923: Schreiben Adenauers an Arnaud, Paris

Sehr verehrter Herr Arnaud!

Für Ihre Bemühungen und Ihren ausführlichen Brief an Herrn H[amspohn] danke ich Ihnen recht von Herzen. Ich beantworte ihn erst jetzt, weil ich erst mit Herrn T[irard] sprechen und Ihnen dann gleichzeitig über das Ergebnis der Be­sprechung mit ihm berichten wollte. Ich bin gestern bei Herrn T[irard] gewesen. Er hat gegenüber meinen Konstruktionen eine ganz andere Haltung einge­nommen wie bei unserer letzten Zusammenkunft, augenscheinlich infolge Ihrer Unterredung mit P[oincaré]. Bezüglich der Größe des westdeutschen Bundes­staates machte er gar keine Einwendungen mehr; auch sprach er nicht mehr von der Errichtung mehrerer Staaten und deren Zusammenfassung in eine Konföderation. Er wies nur darauf hin, daß im Süden des besetzten Gebietes gewisse Befürchtungen beständen dahin gehend, daß der Süden in einem westdeutschen Bundesstaate von Rheinland und Westfalen unterdrückt wür­de, und riet, innerhalb dieses Bundesstaates eine südliche Provinz zu schaf­fen. Er setzte aber hinzu - und darin zeigt sich die Umkehr in seiner Haltung vollkommen -, daß das unsere innere Angelegenheit sei und nicht seine Auf­gabe. Auf die Bedenken, die er meinem letzten Exposé gegenüber über die Stellung des westdeutschen Bundesstaates im Deutschen Reich geäußert hatte, kam er überhaupt nicht mehr zurück. Er verlangte nur, daß in diesem westdeutschen Bundesstaate einheimische Beamte sein müßten, daß keine Rekrutierung der Reichswehr darin stattfinden dürfe und daß er ausländische Vertretungen haben müsse. Ich entnahm aus seinen Ausführungen, daß er im übrigen einverstanden sei, wenn dieser Bundesstaat dieselben Rechte und Pflichten habe wie jeder andere Bundesstaat.

Was die Frage der Be­satzung angeht, so erklärte er hierzu folgendes: Die öffentliche Meinung Frankreichs sei infolge der Haltung Deutschlands, namentlich auch der Hal­tung Deutschlands gegenüber der Kontrollkommission, zu sehr beunruhigt, um ein sofortiges Aufhören der Besetzung ertragen zu können. Wenn aber der westdeutsche Bundesstaat wirklich als Staat errichtet sei, dann könne die Besatzung vermindert und so gestaltet werden, daß sie lediglich als Garnison in einer Reihe von Orten verbleibe. Dies solle dann die erste Stufe sein, der als zweite Stufe eine andere Regelung der Frage durch den Völkerbund fol­gen könne. Ich bin daraufhin auf die Frage der Besatzung und auf die Frage der Rheinlandkommission nicht mehr näher eingegangen. Ich nehme an, daß, wenn die Besatzung lediglich in der Form von Garnisonen übrig bleibt, also ohne administrative und dergl. Rechte, dann auch die Rheinlandkom­mission keine Daseinsberechtigung mehr hat. Ich wollte aber mit Herrn T[irard] gerade hierüber nicht sprechen, wie Sie leicht verstehen werden. Ich hatte durch diese Frage insgesamt den Eindruck, daß bei weiteren Verhandlungen wohl eine Einigung möglich sei. Es wird hierbei ein starkes Entgegenkommen Frankreichs nötig sein, weil der westdeutsche Bundesstaat nur errichtet wer­den kann, wenn die Mehrheit der Bevölkerung dafür ist. Man wird aber die Mehrheit der Bevölkerung des besetzten Gebietes nur dafür gewinnen, wenn bezüglich der Besatzung und der Rheinlandkommission sehr starke Milde­rungen gegenüber dem gegenwärtigen Zustande sofort eintreten und das voll­ständige Verschwinden der Besatzung in einer nahen Zukunft bestimmt in Aussicht gestellt werden kann.

Ich habe darauf bei Herrn T[irard] die Frage der Reparationen angeschnitten. Er erklärte, nach der ausdrücklichen Erklärung seiner Regierung dürfte die Frage der Reparationen und die rheinische Frage nicht gegeneinander ausgehandelt werden. Ich erwiderte ihm, ich hätte das gelesen, und ich teilte diesen Standpunkt, aber die Fragen ständen doch in innerem Zusammenhang; Frankreich könne die Reparationsfrage mit gün­stigen und mit ungünstigen Augen betrachten. Wenn es seine Sicherheit nicht für gewährleistet halte, werde es eine Lösung der Reparationsfrage und ein gleichzeitiges wirtschaftliches Wiederaufleben Deutschlands nicht mit günstigen Augen betrachten. Halte es dagegen seine Sicherheit für gewähr­leistet, so werde es doch die Reparationsfrage mit günstigen Augen ansehen.

Herr T[irard] erklärte, das sei zutreffend; die Reparationsfrage müsse aber vom Reparationsausschuß gelöst werden. Ich erwiderte ihm, das sei richtig, aber ich hielte es doch für zweckmäßig, diese Lösung durch Verhandlungen, wie wir sie jetzt führten, vorzubereiten; die Herren St[innes] und V[ögler] hätten einen Plan für die Lösung der Reparationsfrage sich gebildet, ob es nicht durch ihn, Herrn T[irard], möglich sei, die Herren St[innes] und V[ögler] mit maßgebenden französischen Herren zusammenzuführen. Herr T[irard] antwortete, er sei mit den französischen Sachverständigen des Reparationsausschusses befreundet, er wolle sie mit den Herren St[innes] und V[ögler] zusammenbringen, müsse aber vorher seine Regierung darum befragen.

Eine Meinungsverschiedenheit ergab sich zwischen Herrn T[irard] und mir in folgendem: Herr T[irard] meinte, für meine Ideen und Konstruktionen soll man jetzt öffentlich Propaganda machen durch Bildung von Komitees u. dergl. Ich habe ihm gesagt, daß ich das für ganz falsch hielte, man solle vielmehr jetzt die Reparationsfrage in Angriff nehmen. Wenn dem Reichs­tag eine für Deutschland annehmbare Lösung der Reparationsfrage vorgelegt werde und gleichzeitig die Frage der Errichtung des westdeutschen Bundes­staates, so würden zwar zweifellos von manchen Seiten starke Bedenken er­hoben werden, der Reichstag würde aber doch zustimmen. Der westdeutsche Bundesstaat könne aber nur auf diesem, auf dem gesetzlichen Wege, und zwar durch Reichsgesetz, geschaffen werden. Wir trennten uns mit der Ab­sicht, in etwa 8 bis 10 Tagen wieder zusammenzukommen. Herr T[irard] äußerte weiter den Gedanken, ein Komitee von Politikern und Wirtschaftlern zu be­rufen, um zusammen mit der Rheinlandkommission einen modus vivendi für das besetzte Gebiet möglichst bald zu finden.

Das, sehr verehrter Herr Arnaud, ist im wesentlichen der Inhalt meiner Un­terredung mit Herrn T[irard] Da ich annehme, daß er den Weisungen des Herrn P[oincaré] folgt, und da ich weiter annehme, daß man mich nicht irgendwie täuscht oder mißbrauchen will, so bin ich von dem Ergebnis dieser Verhandlung sehr befriedigt. Ich habe nun die Herren St[innes] und V[ögler] auf den 2. Januar zu mir gebeten, um mit ihnen die Reparationsfrage zu besprechen.

Aus den Reden des Herrn T[irard] und auch aus Ihrem Brief, lieber Herr Arnaud, klingt ein solcher Widerwille gegen Berlin hervor und ein solches Mißtrauen gegenüber den Absichten der Berliner Regierung, daß ich fürchte, wenn wir nicht die Lösung der Reparationsfrage auf diesem Wege vorbereiten, so wird auch bei den neuen offiziellen Verhandlungen wieder nichts herauskommen. Auf Ihre Hilfe, gerade bei diesen privaten Reparationsverhandlungen, rechne ich zuversichtlich, weil ja Sie und Herr L[aurent] auf diesem Gebiet, das ist auf dem Gebiet der Wirtschaft, besondere Kenntnisse haben. Ich werde mir gestatten, Ihnen zu schreiben, sobald die Herren St[innes] und V[ögler] bei mir gewesen sind.

Und nun, lieber Herr Arnaud, darf ich auf Ihren ausführlichen Brief an Herrn H[amspohn] vom 14. ds. Mts. zurückkommen. Ich danke Ihnen nochmals von Herzen für Ihre Bemühungen im Interesse unserer beiden Länder. Ich danke Ihnen auch herzlich für die gute Meinung, die Sie von mir haben. Sie dürfen ver­sichert sein, daß mich nichts anderes bewegt als der Gedanke, zwischen Ihrem Lande und meinem Lande einen dauernden Frieden herbeizuführen, und daß ich ferner davon überzeugt bin, daß ein solcher Friede nur dann herbeigeführt werden kann, wenn auf beiden Seiten Männer von vollstän­diger Ehrlichkeit und gutem Willen sich gegenübertreten. Ich darf mir aber doch gestatten, in vollster Freimütigkeit auf einige Ausführungen Ihres Briefes einzugehen. Sie sowohl wie Herr P[oincaré] glauben, daß Deutschland Sie in der schlimmsten Weise begaunert und betrogen habe. Das hat mich außer­ordentlich geschmerzt. Ich gebe zu, daß der Schein zunächst gegen uns spricht. Wohl hat Deutschland sehr schlecht gewirtschaftet; aber Sie dürfen ver­sichert sein, es ist das nicht geschehen aus betrügerischer Absicht, sondern aus Schwäche. Wir leiden viel mehr unter dieser heillosen Wirtschaft, als Sie sich vorstellen können, und zwar leiden darunter die weitesten Kreise un­seres Volkes. Ich bitte, glauben Sie es mir: Es war keine betrügerische Ab­sicht, die Deutschland und seine verschiedenen Regierungen geleitet haben. Ich habe die Politik Cunos vom ersten Tage an aufs schärfste verurteilt, ihm das auch sofort gesagt, aber zu Ehren des Herrn Cuno muß ich sagen, daß er am allerwenigsten einen bewußten Betrug mit seinem Gewissen verein­baren könnte. Er war unfähig, aber nicht schlecht. Ich schreibe Ihnen das nicht, damit wir uns über diese Frage gegenseitig auseinandersetzen, sondern weil es mir schmerzlich ist, wenn Deutschland in Ihren Augen so dasteht.

Ich danke Ihnen für Ihre Erklärung, im gegebenen Augenblick zu intervenie­ren. Ich hoffe, daß dieser Augenblick bald nach meiner Besprechung mit den Herren St[innes] und V[ögler] gekommen sein wird, und ich nehme an, daß Sie bereit sein werden, dann nochmals zu einer Besprechung nach Köln zu kommen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie zum Neuen Jahre alles Gute und wünsche vor allem, daß das Jahr 1924 ein Wendepunkt in der Geschichte unserer beiden Nachbarvölker sein möge.

Ich bitte Sie, mich Herrn L[aurent] empfehlen zu wollen, und bin mit den angele­gentlichsten Empfehlungen und den herzlichsten Grüßen an Sie

Ihr sehr ergebener

N.B. Ich bitte, mir den Eingang dieses Briefes sofort zu bestätigen.

2. Abschrift an Herrn Direktor Hamspohn.

3. Zu den vertraulichen Akten.

[eigenh.] A

Quelle: HAStK 2/253/7. Konzept. Abgedruckt in: Erdmann, Karl Dietrich: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966, S. 339-342.