23. Januar 1924: Schreiben Adenauers an Reichskanzler Marx, Berlin

Sehr verehrter Herr Reichskanzler!

In Ergänzung meiner kurzen mündlichen Mitteilung vom 21. d. M. beehre ich mich folgendes mitzuteilen.

Meine in der Besprechung mit Ihnen und verschiedenen Mitgliedern des Kabinetts am 8. und 9. Januar geäußerte Annahme, daß Herr Tirard mich bald zu sich bitten würde, um mir Mitteilung darüber zu machen, welche Stellung Poincaré hinsichtlich vorbereitender Besprechungen zwischen den Herren Stinnes und Vögler und den französischen Sachverständigen über die Lösung der Reparationsfrage einnehme, hat sich bestätigt. Ich bin am 19. d. M. auf Ersuchen des Herrn Tirard bei diesem in Koblenz gewesen. Er erklärte mir, Herr Poincaré habe ihm folgendes mitgeteilt. Er, Poincaré, könne sich nicht der Gefahr aussetzen, daß die Reichsregierung, wenn jetzt Verhand­lungen zwischen den Herrn Stinnes und Vögler und den französischen Sachverständigen über die Reparationsfrage stattfänden, hinterher erkläre, es habe sich um Privatpersonen gehandelt, mit denen die Reichsregierung nichts zu tun habe. Herr Poincaré sei bereit zu Verhandlungen über die Repa­rationsfrage zwischen Herrn Stinnes und Vögler einerseits und Herrn Seydoux und anderen französischen Herren andererseits, wenn die Herren Stinnes und Vögler durch Herrn von Hoesch als offiziöse Verhandler eingeführt wür­den. Herr Tirard fügte hinzu, da Herr Seydoux sehr leidend sei, müßten die Verhandlungen in Paris stattfinden; diese ganzen Dinge, auch schon die An­wesenheit der Herren in Paris, die Tatsache der Einführung durch Herrn von Hoesch usw. müßten natürlich absolut geheimgehalten werden. Ich habe Herrn Tirard gesagt, daß ich Ihnen Mitteilung machen würde.

Nachdem ich nunmehr am 21. d. M. von Ihnen, sehr geehrter Herr Reichs­kanzler, gehört habe, daß einige Mitglieder des Kabinetts, insbesondere auch der Herr Reichsaußenminister, nachträglich Bedenken wegen der am 8./9.1. getroffenen Absprache geäußert haben, habe ich mit den von unserer Seite beteiligten Herren, den Herren Hagen, Silverberg, Stinnes, Vögler - Herr Mönnig ist nicht in Berlin, ich werde ihn ins Bild setzen -, diese Ihre Mit­teilung besprochen. Wir sind nach wie vor von der Richtigkeit unserer Ihnen bekannten Ansichten überzeugt; wir werden uns aber nunmehr mit Rücksicht auf diese nachher geäußerten Bedenken jeder weiteren Betätigung in der in den Verhandlungen am 8. und 9. Januar gekennzeichneten Richtung ent­halten.

Wir bitten Sie, den Mitgliedern des Kabinetts, die bei den Verhandlungen am 8. und 9. Januar zugegen waren, insbesondere auch dem Herrn Reichs­außenminister, diesen Brief zur Kenntnis zu bringen und mir den Empfang dieses Briefes kurz bestätigen zu lassen.

Mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr aufrichtig ergebener

Adenauer

Quelle: HAStK, Nachlass Marx. Eigenhändig. Abgedruckt in: Erdmann, Karl Dietrich: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966, S. 369f.