22. November 1927: Schreiben an den Präsidenten des Deutschen Komitees „Pro Palästina", Graf Bernstorff, Berlin

Bezug auf die Korrespondenz mit dem Deutschen Komitee „Pro Palästina" vom 07.12.1926 und 25.01.1927

Sehr verehrte Exzellenz!

Für die mir freundlichst übersandten Publikationen des Deutschen Komitees Pro Palästina gestatte ich mir meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Wie ich Ihnen schon mitteilte, ist es mir, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, zu meinem lebhaften Bedauern nicht möglich, an der Kundgebung des Deutschen Komitees Pro Palästina am 22. d. M. in Köln teilzunehmen, weil das Preußische Staatsministerium die Einberufung des Staatsrats auf den 22. d. M. auf Grund des Artikels 381 der Verfassung angeordnet hat und ich als Präsident die sehr wichtige Sitzung unbedingt leiten muss. Ich wäre Ihnen deshalb sehr dankbar, wenn Sie auf diesem Wege meine Grüße und besten Wünsche entgegennehmen und der Ver­sammlung übermitteln würden. Es ist mir eine besondere Ehre und angenehme Pflicht zugleich, Sie, sehr verehrter Herr Präsident, sowie alle Teilnehmer in den Mauern der Stadt Köln auf das herzlichste willkommen zu heißen. Gern gebe ich dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck, dass Ihrer Tagung ein recht würdiger Verlauf und Ihren Arbeiten ein voller Erfolg beschieden sein möge.

Gestatten Sie mir noch einige kurze Ausführungen. Durch den Artikel 4 des Palästinamandats ist die Schaffung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina garantiert worden. Alle im Völkerbund vertretenen Regierungen und damit auch die deutsche Reichsregierung haben die Mitverantwortung für die Durchführung dieser dem jüdischen Volk gegebenen Zusicherung übernommen. Es handelt sich um ein Unternehmen, dem aus allgemein menschlichen Erwä­gungen Anerkennung und Anteilnahme gebührt. Die Entstehung von Pro Palä­stina-Komitees in Deutschland, Frankreich und England, denen die Vertreter der Regierungen und, neben führenden Angehörigen aller Parteien, Künstler, Wissenschaftler und Wirtschaftler von Rang angehören, ist ein Beweis für die Sympathie, die der Gedanke jüdischer Erneuerung überall dort findet, wo die För­derung menschlicher Wohlfahrt und Gesittung, die Beseitigung der Zwietracht unter den Völkern und des Hasses zwischen Religionen und Rassen als eine hohe Aufgabe betrachtet wird.

Die Energie, mit der für den Aufbau des jüdischen Palästina gearbeitet wird, und die Ergebnisse dieser trotz aller Schwierigkeiten und selbstverständlichen Rückschläge fortschreitenden Arbeit sind bekannt. Wir wissen, dass dieses Werk wie jede Kolonisation große materielle und ideelle Opfer fordert. Das Programm des Komitees erklärt, „dass der Aufbau der jüdischen Heimstätte Anspruch auf die deutschen Sympathien und die tätige Anteilnahme der deutschen Juden hat". Ich hoffe, dass die Sympathie der Welt und die Opferbereitschaft der Judenheit die Wiederauferstehung des alten Landes sichern wird, der die Wiederauferste­hung der alten hebräischen Sprache bereits vorangegangen ist. Es handelt sich, dessen sind wir gewiss, um ein Werk des Friedens, das ohne chauvinistische Übertreibungen, ohne Beeinträchtigung der Rechte anderer Religionen, denen Palästina gleichfalls heiliges Land ist, und sicherlich ohne Beeinträchtigung der wirtschaftlichen und politischen Stellung der nichtjüdischen Bevölkerung Palä­stinas durchgeführt wird.

Das Palästinamandat ist der politische Erfolg einer Bewegung, mit deren ersten Anfängen unsere Stadt verbunden ist. Auf dem jüdischen Friedhof in Deutz ist Moses Heß begraben, der geistige Urheber des Zionismus. Seinem im Jahre 1862 erschienenen Werke gab er den Titel „Rom und Jerusalem". Wir verstehen, dass mit Jerusalem und Palästina jüdische Bestrebungen verbunden sind, deren Ziele schöpferische Leistungen sind, die nicht nur für die jüdische Welt Bedeutung haben werden. Die mit der Scholle verbundenen jüdischen Bau­ern und Arbeiter sollen nach unserem Wunsch ihr Leben so gestalten, dass sie im Orient als ein Element friedlichen Aufbaus wirken und zur kulturellen Hebung jener Länder beitragen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihren Arbeiten einen guten Fortgang.

Mit ausgezeichneter Hochachtung bin ich

Euer Exzellenz besonders ergebener

gez. Adenauer

Oberbürgermeister

Quelle: Deutsches Komitee Pro Palästina (Hg.), Tagung in Köln am 22. November 1927 (Berlin 1927), S. 7. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 267-269.