14. November 1929: Schreiben an Wilhelm Sollmann, Köln

Antwort Adenauers auf das Schreiben Wilhelm Sollmanns vom 11.11.1929

Sehr verehrter Herr Sollmann!

Meine Absicht, Ihnen auf Ihr freundliches Schreiben vom 11. ds. Mts. jetzt schon ausführlich zu antworten, möchte ich zunächst nicht ausführen. Ich möchte nicht bei Ihnen den Anschein erwecken, als wenn ich für Ihre Rede über mich am 15. ds. [Mts.] „gut Wetter" machen wollte. Es liegt mir das vollständig fern. Ich kann Ihnen aber nur das eine sagen, dass mir diese Art des Wahlkampfes, wie sie leider in Köln entbrannt ist, nicht nur in tiefster Seele zuwider, sondern auch vollständig unverständlich ist bei Leuten, die doch über den 17. November hin­aus denken müssen. Ich möchte nur in wenigen Worten auf Ihren Brief an Herrn Ministerpräsidenten Braun und den Anlass zu diesem Brief eingehen. Es war mir wirklich menschlich schmerzlich, aus Ihrem Brief an Herrn Braun zu erse­hen, dass Sie meine Person und meine Tätigkeit nicht mehr aus eigener Erfah­rung und Anschauung beurteilen. Ich glaube, der Brief wäre sonst doch anders ausgefallen. Zu der Ursache des Briefes folgendes. Den Artikel „Alexandra an Konrad" habe ich seinerzeit nur flüchtig gelesen. Ich dachte nicht daran, dass es überhaupt eine Sowjet-Gesandtin Alexandra Kollontay gebe, und habe daher dem ganzen Artikel keine weitere Bedeutung beigelegt. Am Abend, ehe Minister­präsident Braun nach Köln kam, oder an demselben Morgen, erhielt ich nun von der Frau Kollontay einen Brief, in dem diese sich sehr energisch beschwerte, auf ihre Eigenschaft als Gesandtin hinwies und in sehr starken Ausdrücken gegen die Rheinische Zeitung um Schutz bat.

Hier sei übrigens bemerkt, dass nicht, wie die Rheinische Zeitung mir liebenswürdigerweise unterschiebt, ich diesen Brief der Frau Kollontay, von deren Existenz ich gar nichts wusste, bestellt habe, sondern dass, wie ich nunmehr fest­gestellt habe, Frau Kollontay allerdings von Köln aus von sozialdemokratischer Seite auf den Artikel aufmerksam gemacht worden ist. Ich habe überlegt, was ich tun sollte. Das Naheliegendste wäre gewesen, den Brief der Frau Kollontay dem Auswärtigen Amt zu übersenden. Das wollte ich nicht tun, um die Sache nicht aufzubauschen. Da nun Ihr Parteifreund Braun gerade in Köln war, habe ich Herrn Staatssekretär Weismann den Brief gegeben und ihn gebeten, er möchte doch veranlassen, dass Herr Braun auf die Rheinische Zeitung entsprechend einwirke. Mit Herrn Braun selbst habe ich über die Dinge schließlich gerade vor seiner Abfahrt, als wir auf den Zug warteten und Herr Weismann die Rede darauf brachte, ganz kurz gesprochen, bei der Gelegenheit ihm auch gesagt, dass die Art des Kampfes der Rheinischen Zeitung gegen das Zentrum und gegen mich persönlich hier eine solche Stimmung in Zentrumskreisen erregt habe, dass mir Rückwirkungen auf die Landespolitik nicht unmöglich erschienen. Ich darf hierzu noch bemerken, dass die Stellungnahme der Rheinischen Zeitung mir gegenüber schon seit langer Zeit weit über Kölns Mauern hinaus großes Aufsehen erregt. Ich werde in Berlin sehr oft von politischen Persönlichkeiten nach dem Grun­de gefragt, so schon vor längerer Zeit von Herrn Reichsminister Severing und Herrn Staatssekretär Pünder. Vielleicht ersehen Sie daraus, dass doch der Kampf der Rheinischen Zeitung gegen mich vielen nicht recht verständlich erscheint und dass man auf persönliche Gründe dabei schließt. Übrigens ist ihnen ja der persönliche Untergrund bekannt. Er besteht in der Spannung zwischen Herrn Görlinger und mir. Wäre diese Spannung nicht, so wäre die ganze Atmosphäre entgiftet. Aber leider besteht sie, und man muss sich damit abfinden.

Nun bin ich über dem Diktieren dieses Briefes doch weiter auf die Angelegenheit eingegangen, als ich ursprünglich gewollt habe. Ich möchte aber hiermit doch schließen und hoffe, dass nach der Wahl sich Gelegenheit findet, über die ganze Sachlage in aller Ruhe und leidenschaftslos zu sprechen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr ergebener

gez. Adenauer

NB. Ich habe sehr bedauert, dass Sie an dem Presseabend nicht teilnehmen konnten. Ich füge Ihnen ein unkorrigiertes Stenogramm bei und bitte Sie, vor Ihrer Rede einen Blick hineinzuwerfen. Ich habe zwar, da die Rede zu lang wurde, zu meinem Bedauern gewisse Fragen, wie Krankenhausfragen usw. zum Schluss nur flüchtig streifen können. Aber Sie ersehen doch noch, insbesondere aus den Ausführungen am Anfang, von welch grundlegenden Gedanken ich bei meiner ganzen Arbeit ausgehe.

Quelle: HAStK 902/258/2, Abschrift. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 186f.