9. Juli 1930: Schreiben von Oberbürgermeister Adenauer an Reichskanzler Brüning

Hochverehrter Herr Reichskanzler!

Die Sorge um die politische Entwicklung zwingt mich, Sie mit fol­genden Zeilen zu behelligen:

Ich fürchte, dass es ein schwerer Fehler sein wird, wenn das Kabinett nicht jetzt auch die Gesetze mit zur Vorlage und Verabschiedung bringt, die dazu bestimmt sind, die trostlose und infolge der Arbeits­losigkeit immer trostloser werdende Lage der Gemeinden zu stabili­sieren. Ich verliere über die gegenwärtige Lage keine Worte. Ich möchte nur folgendes sagen:

Selbst wenn es dem Kabinett gelingt, das Arbeitsbeschaffungspro­gramm in größtem Umfange und viel schneller, als man das an sich für möglich halten sollte, zu verwirklichen, wird der größte Teil seines Erfolges paralysiert werden durch die im Herbst oder Winter einsetzende naturgemäße Vergrößerung der Arbeitslosigkeit. Die finanzielle Lage der Gemeinden wird also im Herbst katastrophal werden. Sie werden nicht in der Lage sein, die Unterstützungen weiter zu zahlen, und es wird sicher zu schwersten Unruhen kommen. Wie ich aus sehr guter Quelle weiß, rechnet man in Kreisen, die Herrn Luther nahe stehen, bestimmt damit, dass über dieser Frage das Kabinett im Herbst zu Fall kommen wird. Ich bitte Sie dringend, doch zu versuchen, jetzt die Geschichte mit zu erledigen. Ich halte es für ganz ausgeschlossen, dass es irgendjemand gelingen wird, im Herbst nochmals neue Steuergesetze, gleichgültig für wen der Ertrag bestimmt ist, beim Reichstag durchzusetzen ohne ein wirklich schlüs­siges, gut durchgearbeitetes und sehr eingehend durchzuberatendes Abbauprogramm hinsichtlich Aufgaben und Ausgaben. Jetzt aber werden meines Erachtens auch weitere Steuergesetze zu Gunsten der Gemeinden in der gegenwärtigen Situation mit heruntergewürgt werden.

Nicht nur die Sorge um die finanzielle Lage der Kommunen, sondern gerade auch politische Gründe veranlassen mich, Sie auf diese sehr große politische Gefahr aufmerksam zu machen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und bin
mit vielen Grüßen
Ihr ergebener
gez. Adenauer

Quelle: Historisches Archiv der Stadt Köln, Abt. 902, Nr. 2/1. Durchschlag. Vermerk: „Persönlich!". Abgedruckt in: Morsey, Rudolf: Vom Kommunalpolitiker zum Kanzler. In: Konrad Adenauer. Ziele und Wege. Mainz 1972, S. 63f.