18. November 1930: Schreiben von Oberbürgermeister Adenauer an Reichskanzler Brüning

Hochverehrter Herr Reichskanzler!

Ich fühle mich verpflichtet, Sie auf folgendes aufmerksam zu machen.

Die Reichsregierung, insbesondere Sie persönlich, haben in den ver­gangenen Monaten mehrfach in öffentlichen Kundgebungen darauf hingewiesen, dass sofort 250 Millionen Mark zur Arbeitsbeschaffung und zur Durchführung von Arbeiten der wertschaffenden Arbeits­losenfürsorge zur Verfügung gestellt würden. Wie Sie wissen, ist zur Durchführung dieser Aufgabe die Deutsche Gesellschaft für öffent­liche Arbeiten gegründet worden. Bis jetzt hat diese Gesellschaft insgesamt nur 6,4 Millionen Mark in ganz Deutschland zur Verfügung gestellt, und zwar aus zurückfließenden Zinsen und Tilgungsbeträgen der bis dahin durch das Reich gegebenen Darlehen. Es herrscht des­wegen in den Kreisen der Gewerkschaften und der Städte eine sehr große Erregung, man darf sagen Empörung. Es wird behauptet, dass diese neu gegründete Gesellschaft ganz andere Grundsätze ihren Bewilligungen zu Grunde legen wolle, als sie bisher seitens des Reiches und Preußens gehandhabt worden sind, und zwar Grund­sätze, die Notstandsarbeiten in den Städten sozusagen vollkommen ausschließen.

Auf der anderen Seite hörte ich von Herrn Minister Stegerwald, als ich mit ihm bei seiner Durchreise über Köln am 15. ds. Mts. über diese Frage sprach, dass die Gesellschaft bisher überhaupt kein Geld bekommen habe und deswegen nicht in der Lage sei, Gelder zur Be­schäftigung von Erwerbslosen zur Verfügung zu stellen. Heute wiederum höre ich, und zwar anscheinend aus guter Quelle, dass die Geldbeschaffungsfrage gelöst sei oder jedenfalls in den nächsten Tagen positiv gelöst würde. Weiter höre ich, dass bei der preußischen Staatsregierung große Aufregung wegen des Verhaltens der Gesell­schaft herrscht, und zwar um so mehr, weil in Preußen das Geld zur Verfügung steht, aber nicht gegeben werden kann, ohne dass sich das Reich seinerseits in der gleichen Weise beteiligt. Ich glaube, Sie drin­gend bitten zu sollen, doch trotz der großen und schwierigen Fragen, die Sie z. Zt. haben, dieser Angelegenheit Ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Es darf aber unter keinen Umständen die Ansicht aufkom­men, dass die Reichsregierung seinerzeit diese Versprechungen leicht­fertigerweise gemacht habe.

Ich bin in bekannter Gesinnung
mit vielen Grüßen
Ihr sehr ergebener
gez. Adenauer

Quelle: Historisches Archiv der Stadt Köln, Abt. 902, Nr. 2/1. Durchschlag. Abgedruckt in: Morsey, Rudolf: Vom Kommunalpolitiker zum Kanzler. In: Konrad Adenauer. Ziele und Wege. Mainz 1972, S. 64f.