13. Dezember 1930: Brief an Ella Schmittmann (aus Berlin)

Liebe Ella!

Hier dachte ich mehr Ruhe zu haben, als in Köln und wollte Dir daher von hier aus auf Deinen Brief vom 4.12. antworten. Es ist aber anders gekommen, als ich dachte; es war eine überaus schwere und drückende Woche. Erst jetzt am Abend der Rückreise habe ich eine ruhige Stunde. Die von Dir entwickelten, auf religiösem Untergrunde beruhenden Gedanken decken sich durchaus mit den unsrigen. Ich finde den heutigen Zustand in Europa und in der ganzen Welt eine Schmach und eine Schande für den christlichen Gedanken.

Aber was ich nicht verstehe und nie verstehen werde, das ist, dass wir, die wir nicht mehr und nicht weniger Schuld tragen als die andern, immer im Büßerhemd dastehen und Pater peccavi sagen sollen. Das verlangt unsere christliche Überzeugung nicht von uns, und das verstehe ich nicht. M.E. muss sich Benedikt mit Joos möglichst bald in Verbindung setzen, um die Angelegenheit aufzuklären, sie ist wichtig genug!

Von hier ist nicht viel Gutes zu berichten und in Köln erwartet mich auch nichts Gutes. Ich habe nur den einen Wunsch: 4 Monate weiter zu sein.

Mit vielen herzlichen Grüßen

wie stets Dein

gez. Konrad

Quelle: Archiv Benedikt Schmittmann: Helene Schmittmann. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 299.