12. November 1931: Schreiben an Generaldirektor Heine, Ford Motor Company A.-G., Köln-Niehl

Sehr geehrter Herr Heine!

Ich erhalte die Nr. 13 der „Saturday Evening Post" vom 26.9.31 mit dem Artikel von Garet Garrett. Es fällt mir schwer, auf ein derartig gehässiges Pamphlet zu antworten. Ich habe noch niemals in einer französischen Zeitung etwas derartig ausgesucht Einseitiges gelesen, ich möchte mich auf wenige Sätze der Erwide­rung beschränken.

Es ist richtig, dass in den Jahren nach dem Zusammenbruch das deut­sche Volk über seine Verhältnisse gelebt hat. Es ist das kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das deutsche Volk politisch vollkommen unvorbereitet und unmündig die demokratische Verfassung erhielt, dass die alten Autoritäten von heute auf morgen fortfielen, dass neue Schichten, die des Regierens vollkommen ungewohnt waren, ans Ruder kamen, dass Deutschland gleichzeitig von seinen bisherigen Feinden, wenigstens von einem Teil derselben, systematisch weiter unterdrückt und wirtschaftlich ausgeplündert wurde. Ich meine aber - und das ist die Hauptsache -, ein amerikanischer Finanzmann oder Politiker sollte kein moralisierender Prediger sein. Von dem Standpunkte der amerikanischen Inter­essen aus soll er die schwebenden Fragen betrachten und eine Lösung suchen. Dabei wird er sich folgendes vor Augen halten müssen:

Deutschland hatte vor dem Kriege große Einkünfte aus seinen im Ausland angelegten Kapitalien. Trotz der Einkünfte, die es aus diesen Kapitalien hatte, konnte es seine Bevölkerung nur kleiden und ernähren, wenn es in erheblichem Masse Produkte ausführte. Also auch schon vor dem Kriege waren Erträgnisse der im Ausland bereits angelegten Kapitalien und Ausfuhrüberschuss zusammen nötig zur Kleidung und Ernährung. Wie sind die Dinge jetzt? Deutschland hat keine nennenswerten Kapitalien im Ausland, aus denen es Erträgnisse erzielt. Es hat große private Schulden und die Reparationsschulden zu verzinsen und zurückzuzahlen. Selbst wenn es die Ansprüche der eigenen Bevölkerung an Ernährung und Kleidung auf Kosten der von anderen Ländern gewünschten Ausfuhr auf das Notdürftigste begrenzt, kann es Reparationen, Zinsen und Tilgungsraten der privaten Auslandsschulden nur zahlen, wenn es in allerstärkster Weise Waren ausführt.

Als amerikanischer Finanzmann und Politiker würde ich bei dem Suchen nach einer Lösung der gegenwärtigen Schwierigkeiten diese unverrückbaren und unumstossbaren Sätze als Ausgangspunkt nehmen. Ich würde mir dann weiter die Frage stellen, ob das weltwirtschaftliche Gefüge eine solch riesige deutsche Ausfuhr erträgt oder ob es nicht selbst darüber zusammenbricht. Ich glaube, dass es sich erübrigt, mehr zu sagen. Wenn die Amerikaner ihren eige­nen Interessen und den Interessen der Weltwirtschaft folgen, würden sie richtig handeln. Lassen sie sich von Hass gegen Deutschland leiten, wie der Schreiber des Artikels, so werden auch sie Schaden leiden.

Ich füge das Heft wieder bei und bin mit ausgezeichneter Hochachtung

Ihr sehr ergebener

A[denauer]

Quelle: HAStK 902/105/3, Kopie ohne Ort, mit Paraphe. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 108f.