6. August 1932: Schreiben an Botschafter Wolff-Metternich, Schloss Gracht bei Liblar

Vertraulich!

Sehr verehrte Excellenz!

Es ist mir leider durch eine ganze Reihe von Komplikationen nicht möglich gewe­sen, Ihnen vor dem morgigen Antritt meiner Urlaubsreise einen Tag zu einer Aussprache vorzuschlagen. Ich war in der Zwischenzeit nicht nur durch städti­sche Angelegenheiten, sondern auch durch die politische Lage außerordentlich in Anspruch genommen. Über die politische Lage darf ich Ihnen, soweit die Stellungnahme der Zentrumspartei in Frage kommt, streng vertraulich und ganz zuverlässig folgendes mitteilen:

Die Zentrumspartei verlangt dringend den Eintritt der Nationalsozialisten in die Reichsregierung. Sie wird bereit sein, alsdann diese Regierung zu tolerieren. Der Begriff des Tolerierens ist dehnbar zwischen positiver Mitarbeit und Gewehr-bei-Fuß-Stehen. Es wird das auf die Verhandlungen ankommen. In Preußen wird das Zentrum auf dem Standpunkt stehen, dass bis zur Entscheidung des Staatsgerichtshofs in der bekannten Streitsache die Wahl des Ministerpräsi­denten zu verschieben ist. Wenn, wie man doch vielleicht hoffen darf, in der Zwischenzeit eine Einigung bezüglich der Beteiligung der Nationalsozialisten an der Reichsregierung erfolgt ist, so wird die Regierungsfrage in Preußen keine Schwierigkeiten mehr bieten.

Ich werde mir erlauben, sehr verehrte Excellenz, nach meiner Rückkehr mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.

Ich bin in besonderer Hochachtung und Verehrung

Ihr sehr ergebener

A[denauer]

Quelle: HAStK 902/258/5, Bl. 1057/58, Kopie ohne Ort mit Paraphe. Abgedruckt in: Konrad Adenauer 1917-1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hrsg. v. Günther Schulz. Köln 2007, S. 184.