12. Dezember 1932: Schreiben von Oberbürgermeister Adenauer an den Vorsitzenden der Deutschen Zentrumspartei, Prälat Kaas

Sehr verehrter Herr Kaas,

von Herrn Professor Lauscher und Herrn Justizrat Mönnig höre ich näheres über den Verlauf der Sitzung des geschäftsführenden Vor­standes [der Zentrumspartei] am 8. ds. Mts., an der ich leider nicht teilnehmen konnte.

Danach scheint mir der zu Tage getretene Gegensatz folgender zu sein:

Die eine Seite ist der Auffassung, man solle die Frage einer Regie­rungsbildung mit den Nationalsozialisten in Preußen zurückstellen, bis die Frage des Eintritts der Nationalsozialisten in die Reichsregie­rung in positivem Sinne entschieden sei, während die andere Seite, insbesondere Herr Professor Lauscher, der Auffassung ist, man solle in Preußen baldmöglichst eine Regierung mit den Nationalsozialisten bilden, aber unter der Voraussetzung, dass die Reichsregierung darauf­hin den Reichskommissar für Preußen zurückziehe. Wenn die Angelegenheit auch augenblicklich mir nicht akut zu sein scheint, weil ja Herr Reichskanzler von Schleicher Herrn Professor Lauscher gegenüber zum Ausdruck gebracht hat, dass der Reichs­kommissar für Preußen im Falle der Wahl des Herrn Göring zum Preußischen Ministerpräsidenten nicht zurückgezogen werden würde, so möchte ich mir doch erlauben, meine Meinung über die Frage Ihnen gegenüber zum Ausdruck zu bringen.

Die Verhältnisse in Preußen sind derartig, dass, sobald wie möglich, Ordnung in das Chaos, das jetzt besteht, gebracht werden muss. Weder in den Ministerien noch im Lande wissen die Beamten, woran sie sind. Staatsrat und Landtag sind ausgeschaltet. Daher hat, glaube ich, jeder, der in irgendeiner Eigenschaft eine gewisse Verantwortung für die preußischen Verhältnisse trägt, die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass, sobald die politische Lage das erlaubt, in Preußen eine Regie­rung zusammen mit den Nationalsozialisten, die die Zurückziehung des Reichskommissars durch die Reichsregierung zur Folge hätten, gebildet wird. Ich bin weiter der Auffassung, dass, auch vom Stand­punkte des Reiches aus betrachtet, nichts gegen eine solche Lösung einzuwenden ist, da auch das Reich alles Interesse daran haben muss, dass in Preußen geordnete Verhältnisse geschaffen werden. Spätere Verhandlungen mit den Nationalsozialisten über ihre Beteiligung an der Reichsregierung werden meines Erachtens durch das Vorgehen in Preußen nicht geschädigt, vielleicht eher gefördert werden. Auch er­scheint es mir richtig, dass die Nationalsozialisten zunächst in Preußen als der weniger gefährlichen Stelle zeigen, ob sie wirklich in der Lage sind, so hohe Ämter zu versehen.

Mit vorzüglicher Hochachtung
und freundlichen Grüßen
Ihr sehr ergebener
gez. Adenauer

Quelle: Historisches Archiv der Stadt Köln, Abt. 902, Nr. 11/1, Durchschlag. Abgedruckt in: Morsey, Rudolf: Vom Kommunalpolitiker zum Kanzler. In: Konrad Adenauer. Ziele und Wege. Mainz 1972, S. 72f.