1. März 1933: Schreiben von Oberbürgermeister Adenauer an Vizekanzler von Papen

Sehr verehrter Herr [Vize-]Kanzler!

Bis jetzt hat, soviel ich feststellen kann, Herr Reichsminister Göring nicht die in der Besprechung am 25. v. Mts. zugesagte Erklärung durch den amtlichen preußischen Pressedienst verbreiten lassen. Ich nehme an, dass die Unterlassung auf die starke Inanspruchnahme des Herrn Göring in den vergangenen Tagen zurückzuführen ist. Ich wäre Ihnen aber, sehr geehrter Herr Kanzler, besonders dankbar, wenn Sie darauf hinwirken würden, dass Herr Göring nunmehr diese Er­klärung abgibt.

Ich habe mit Herrn Professor Lauscher die Angelegenheiten nochmals besprochen, die zwischen uns berührt worden sind, und dabei wiede­rum festgestellt, dass er durchaus derselben Meinung ist wie ich. Es wird Sie wohl auch interessieren zu hören, dass Herr Grass mit Ent­schiedenheit bestreitet, die ihm in den Mund gelegte Äußerung getan zu haben. Herr Lauscher oder Herr Grass werden dieserhalb aber noch mit Ihnen nach der Wahl Fühlung nehmen. Ich bitte daher, diese Mitteilung nur als für Sie persönlich bestimmt zu betrachten. Es herrscht in den weitesten Kreisen, nicht nur hier in Köln, sondern insbesondere auch in ländlichen Bezirken, große Besorgnis, dass die Wahl sowohl am 5. wie am 12. März nicht absolut frei vonstatten gehen werde. Man befürchtet sowohl Belästigungen der Wähler durch kommunistische Gruppen wie auch Beeinträchtigung der Wahlfreiheit durch Anwesenheit von SA- oder SS-Leuten in den Wahllokalen. Ich glaube, Sie würden sich, sehr verehrter Herr Kanzler, ein außerordentlich großes Verdienst nicht nur vor der deutschen, sondern auch vor der gesamten Öffentlichkeit erwerben, wenn Sie sich dafür ein­setzen würden, dass zur Sicherung der Wahlfreiheit nur uniformierte Polizei herangezogen werden darf und dass in den Wahllokalen selbst nur der Wahlvorstand und die ihre Stimme abgebenden Wähler sich aufhalten dürfen. Nach mir gegebenen Schilderungen wird, wie ich glaube, die Heranziehung von Hilfspolizei, namentlich wenn diese in der Uniform ihrer Organisation auftritt, als eine Beeinträchtigung der Wahlfreiheit allgemein empfunden werden.

Ich bin mit hochachtungsvollen Grüßen
Ihr sehr ergebener
gez. Adenauer

Quelle: Historisches Archiv der Stadt Köln, Abt. 902, Nr. 11/1. Durchschlag. Vermerk: „Persönlich". Abgedruckt in: Morsey, Rudolf: Vom Kommunalpolitiker zum Kanzler. In: Konrad Adenauer. Ziele und Wege. Mainz 1972, S. 74f.