27. April 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Meine Frau wird Ihnen und Ihrem Mann schon gedankt und über den glatten Verlauf unserer Reise berichtet haben. Herzlichst danke auch ich Ihrem Mann für den Wagen und Ihnen für die Freundschaftszeichen, die das Innere des Wagens enthielt. Glauben Sie mir, sie kamen in einem Augenblick der Depression, in dem man doppelt empfänglich ist und jedes Zeichen der Anteilnahme doppelt schätzt.

Hier stürzte gestern nach all' den Erlebnissen der letzten Wochen die Stille und Einsamkeit geradezu mit einer erdrückenden Gewalt auf mich herab trotz der Schönheit der Natur und des Zaubers der Obstblüte in dem riesigen Klostergarten! Heute kam die Nachricht von der Verhaftung Mönnigs und Brünings, ein neuer Schlag! Die armen Menschen! Für Ihren Mann, wenn die Angelegenheit Br[üning] sich nicht bald und völlig klärt, eine sehr schwierige Lage. Wie ist seine Kissinger Adresse, ich möchte ihm gern auch selbst danken? In der Politik werde ich hier nicht so auf dem Laufenden bleiben wie in Berlin, es ist vielleicht auch nicht nötig. Aber ich lese zu meinem Schrecken zwischen den Zeilen, daß Frankreich, England, Amerika sich politisch geeinigt haben.

Ich möchte Ihnen gern die geistige Atmosphäre hier schildern, aber ich bin noch nicht genügend eingedrungen, um es zu können. Gestern kam mir alles ganz unwirklich vor, heute geht es etwas besser. Der Abt ist denkbar gütig und herzlich zu mir, er tut alles, was in seinen Kräften steht. Ich hoffe, daß der Aufenthalt hier mir geistig gut tun wird, dann wird auch der Körper wieder in Ordnung kommen.

Hoffentlich warten Sie mit einer Fahrt nach hier nicht, bis Ihr Mann aus Kissingen zurück ist, sondern kommen schon vorher einmal mit meiner Frau, Sie werden sehen, daß ein mehrmaliger Besuch sich lohnt. - Ich danke Ihnen von Herzen für alles und bin mit vielen Grüßen stets Ihr freundschaftlich ergebener

Kon. Adenauer

 

[P.S.] Bitte machen Sie von der Skimmia einige Stecklinge, wenn die jungen Triebe anfangen zu verholzen. Meine Adresse ist: Außenumschlag an die Abtei Maria Laach Bez. Coblenz Rheinland, Innenumschlag und persönliche Adresse. Es ist erwünscht, auch im Interesse des Klosters, daß mein Aufenthalt möglichst wenigen bekannt wird.

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 45f.