11. Mai 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Zuerst möchte ich Ihnen herzlichst danken für Ihren Besuch und dafür, daß Sie es den Kindern ermöglicht haben, zu mir zu kommen - die Bahnreise wäre für die beiden Kleinsten unmöglich gewesen -, recht herzlichen Dank! - Wie schnell vergehen doch solche Stunden und Tage, und wie langsam andere! Der Tag des Besuchs war so schön, daß durch den - nicht sehr schönen - Abend und die folgenden - auch nicht sehr schönen - Tage sein Schein hindurchleuchtete. Hoffentlich hat es Ihnen so gefallen hier, daß Sie Ihr Versprechen, wiederzukommen, bald ausführen.

Ich habe inzwischen weiter in den Büchern gelesen, die man mir hier leiht und deren Namen ich beim Kaffee erwähnte: Ich bin geradezu erschüttert, weniger über Einzelheiten, als über das Gesamtniveau. - Ich lese auch öfter in dem von Ihnen mir geliehenen Koch-Weser, der oft sehr treffende allgemeine Bemerkungen macht, und in den Briefen Humboldts. Welch' verschiedene Welten! Aber Sie haben Recht. Man empfindet ein zwingendes Bedürfnis oft, sich mit Gesetzen und Einrichtungen zu beschäftigen, die jenseits der menschlichen Einwirkungen liegen oder die, weil sie in dem Jenseitigen wurzeln, nicht so den Tageswirkungen unterliegen. Dadurch allein sichert man sich das innere Gleichgewicht, die innere feste Haltung, die man heute nötiger hat denn je. Auf dem Wege allein wird man Herr bleiben und nicht Sklave werden. Leider stehe ich noch nicht über den Dingen, sicher noch nicht fest und dauernd; ich kann nur sagen, daß ich immer wieder mich bemühe, die geistige Atmosphäre hier hilft sehr. Es ist ja auch nicht so leicht, und es kann ja auch nicht so schnell gehen; wenn man nur immer wieder sich zurechtfindet, darf man hoffen, weiterzukommen. Man bekommt dann auch wieder die Kraft, der Depressionen und Stimmungen Herr zu werden. - Ich hoffe es wenigstens.

Sie sahen sehr angegriffen aus. Ich weiß, daß die Zeit nicht gerade gesundheitsfördernd ist. Aber trotzdem, man kann etwas für seine Gesundheit tun, auch mit dem Willen. - Tun Sie bitte etwas für Ihre Gesundheit, ich bitte Sie darum.

Haben Sie gelesen, daß Dr. Blüthgen, der Aufsichtsratsvorsitzende des Glanzstoffkonzerns, verhaftet ist? Ihm verdanke ich den Verlust meines Vermögens. - Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß der bekannte Zehrer aus dem Tat-Kreis, der die „Tägliche Rundschau“ herausgab, dort ausscheiden musste, damit diese, die verboten war, wieder erscheinen konnte. Schröders werden Sie doch wohl einen Glückwunschbesuch gemacht haben? Auf Grund Ihrer freundschaftlichen Beziehungen und weil er doch relativ gut ist; wenn ich die Rede lese, die der neue Düsseldorfer Präsident Zucker gehalten hat, und seine damit vergleiche, so ist seine doch erheblich besser. Ich habe ihm einen, so wie er abgefasst war, ehrlich gemeinten Glückwunschbrief geschrieben.

Die Kastanie stammt aus Goethes Gartenhaus in Weimar, von dem Platze im Garten, an dem die Tafel mit den Versen steht. Ich freue mich, daß sie aufgegangen sind [sic!], ich hoffe, daß auch meine zum Leben erwacht ist. - Gestern Abend kam ich durch die Apfelallee, das Wetter hatte sich vorübergehend aufgehellt, und die Luft war still. Es war entzückend schön: die Bäume über und über voll von diesen herrlichen Blüten, die Luft erfüllt mit dem süß-herben Duft, ganze Wellen gingen über mich dahin.

Auf meinem Schreibtisch duftet jetzt herrlich die Daphne, und daneben stehen die Zweiglein der Skimmia, die ich in Neuß erhielt, zusammen mit Waldvergißmeinnicht. Ich denke so viel an den wundervollen Frühlingstag in B[aden]B[aden], was hat sich seitdem ereignet. Aber ich freue mich immer wieder, daß es Sphären gibt, die jenseits des Vergänglichen liegen, Quellen, die aus solchen Tiefen brechen und gespeist werden, daß nichts
ihren Strom hemmen, nichts ihre Flut trüben kann; daran muß
man in diesen Zeiten denken.

Mit vielem Dank und mit herzlichen Grüßen

Ihr Kon. A.

[P.S.] Vielleicht schauen Sie gelegentlich bei meiner Frau vorbei, es wird sehr angenehm empfunden, doppelt angenehm in der gegenwärtigen Lage. Ich lege bei eine Anweisung, um Stecklinge von Daphne zu ziehen, und einige Grüße aus dem Walde. Ob der Kreuzdorn jetzt blüht?

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 53-56.