16. Mai 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Sie können sich nicht gut vorstellen, welche Wohltat Ihr Brief vom 12. war. Ich war schon einige Tage in recht depressiver Stimmung: die außenpolitische Lage, die Zukunft meiner Familie, meine zukünftige Arbeit, die Trennung, das Demütigende meiner gegenwärtigen Lage u.s.w. Ihr am Sonntag eintreffender Brief kam so sehr im richtigen Augenblick, um doppelt tröstlich empfunden zu werden. Wenn Sie überzeugt sind, daß ich Herr der Dinge werde, so will ich auch davon überzeugt sein und diese Überzeugung nicht enttäusche. Eine besondere Freude war es mir auch, daß Sie von hier ein Gefühl der Ruhe mitgenommen haben. Ich weiß, wie sehr gerade Sie unter dieser Zeit, bei so manchem, was geschieht, leiden; ich möchte auch so gerne, in gegenseitigem Austausch, in gegenseitiger Aussprache Klärung und Hilfe geben, so gut mir das möglich ist, und nun ist das auf direktem Wege so erschwert, der indirekte muß mithelfen.

Sie haben Recht, wenn Sie sagen, daß sich jede Schuld auf Erden rächt, von dem Satz gibt es keine Ausnahme, ich glaube auch darum wie Sie, daß die Zukunft für unser Land noch manches Trübe birgt. Dann bleibt uns also gar nichts übrig, als uns innerlich möglichst stark zu machen, nur dann werden wir die Kraft zum Überwinden besitzen. Ich glaube, man überwindet diese Zeiten nur, wenn man sich gewöhnt, in größeren Zeiträumen zu denken, wenn man das irdische Dasein nur als Teil des menschlichen Lebens zu betrachten sich bestrebt, und wenn man fest glaubt, daß es einen Gott gibt, der zwar auch in den sichtbaren Dingen sich zeigt, der aber über diesen steht und unabhängig von ihnen ist. Lächeln Sie nicht über „klösterliche“ Betrachtungen, solchen Betrachtungen ist hier die Atmosphäre sicher günstig, aber deshalb sind sie nicht weniger richtig.

Der außenpolitische Aspekt ist sicher niederdrückend, ich weiß auch nicht, ob die morgige Reichstagssitzung eine starke außenpolitische Wirkung haben wird, aber trotzdem, ich kann noch nicht glauben, daß nicht ein Ausweg aus der Situation gefunden würde; wenn er nicht gefunden wird, sehen wir allerdings einer sehr bösen Entwicklung entgegen.

Ich weiß nicht, ob das Wort „Erst Liebe, dann Wahrheit“ so, wie es da steht, richtig ist. Ich meine fast, die Wahrheit muß das Primäre sein, oder besser: beide müssen zusammen sein, „Liebe und Wahrheit“; auch eine traurige Wahrheit wird durch Liebe erleichtert, und die Liebe bedarf der Wahrheit als Fundament.

Heute Morgen war ich im Buchenwald, an der Stelle oben, an der wir vor 8 Tagen zusammen waren, es war wundervoll. Zuerst seit Tagen blauer Himmel und weiße Wolken, dazu die Sonne, die herrlichen Buchen, der See und der Blick in die weite Ferne nach Norden zu. Ihr Vater würde auf dem Spaziergang besondere Freude gehabt haben, ich habe in einer Stunde acht Rehe gesehen.

Morgen früh kommt mein Sohn Max, er bleibt bis Donnerstag Abend, Donnerstag früh kommen meine Frau und mein Sohn Konrad, alle fahren dann Donnerstag Abend zurück. Es ist gut, wenn man als Vater mit seinen erwachsenen Söhnen einmal über unsere Zeit sprechen kann. - Das Felsenbeet ist sicher, nachdem es abgeflacht ist, besonders schön; hoffentlich ist es mir vergönnt, es im nächsten Frühjahr zu sehen. Die Daphne, die ich heute vor 8 Tagen erhielt, entfaltet die letzten Blüten, die Skimmiazweige haben kleine Zweige im Wasser getrieben, ich will einmal sehen, ob sie im Wasser Wurzeln machen, ich fürchte zwar, es ist vergebliche Müh!

Meine Frau ist für jeden Besuch und für alles den Kindern gezeigte Interesse besonders dankbar, in ihren Briefen erwähnt sie jeden, der kommt. Sie selbst geht nicht aus, sie hat auch wenig Zeit, und der Weg zur Marienburg ist ohne Auto weit.

Wann kommt Ihr Mann zurück? Ich habe noch nichts von ihm gesehen. Hoffentlich kommen Sie beide dann bald einmal nach hier. Sehr schön wäre es auch, wenn Sie öfters an einem Nachmittage, an dem Sie über Ihr Auto verfügen können, meine Frau mit ins Auto packten und zusammen für einige Stunden nach hier kämen. Ich freue mich sehr, daß es Ihnen gesundheitlich gut geht; mir geht es etwas besser, aber die Schlaflosigkeit und die leichte Ermüdbarkeit wollen nicht weichen.

Ich bitte Sie herzlichst, möglichst gelassen - ich versuche es auch - den Tagesereignissen gegenüberzustehen, man kommt sonst nicht darüber, und es kommen noch schwerere Zeiten. Schreiben Sie mir bitte einmal, worin jetzt Ihre Tätigkeit besteht, welche Bücher, welche Zeitungen lesen Sie?

Mit herzlichsten Grüßen
Ihr
Konrad A.

Recht herzlichen Dank!

 

Hier beiliegend Notiz von Dora Pferdmenges:

[...] auf meine Geduld habe ich mir ja immer etwas zu Gute getan. Aber bei weiterem Nachdenken glaube ich doch, daß Sie Recht haben; ich habe Geduld zu eng und zu einseitig aufgefasst, als Ausdauer und Beharrlichkeit im Handeln, nicht als Stillehalten im Ertragen des Leides. Das fällt mir sehr schwer, so mit gebundenen Händen still nehmen zu müssen, sich nicht wehren, nicht kämpfen zu können. [...] ich will alles tun, was ich kann, um nicht - innerlich - zu unterliegen.

Mir fehlt es sehr an wirklicher Demut; ich kann mich nicht dazu bekommen, einmal gar nicht mehr auf mich und meine Handlungen zu vertrauen, sondern auf Gott und im Vertrauen auf ihn zu warten. Ich glaube, wenn ich das könnte, ertrüge ich auch meine Fesseln leichter.

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 57-60.