6. Juni 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Gedanken und Wünsche gehen auch durch die dicksten Mauern hindurch, und so danke ich herzlich für die gesandten Pfingstwünsche. Es war ein etwas starker Gegensatz zwischen Pfingsten, dem Fest der Liebe, darüber handelte hier die Predigt am ersten Tage, der strahlenden Natur und dem, was menschlicher Geist oder Ungeist anrichtet. Übrigens habe ich mich zu Ihrer Ansicht hinsichtlich des Wortes „Erst Liebe, dann Wahrheit“ bekehrt. - Ich habe noch nie im Frühjahr die gesamte Natur so beobachten können wie hier, wo ich mit der Natur lebe; ich bin darum ganz bewegt und erschüttert von der ungeheuren Kraft, welche die Natur in diesen 6 Wochen entfaltet hat: fast jeder Tag ein ganz anderes Bild; sie schafft wirklich Ungeheures in dieser Zeit. - Jetzt ist in 14 Tagen schon wieder Sonnenwende - Wintersonnenwende ist soviel bedeutungsvoller -, dann fängt die Natur schon wieder an, für das nächste Frühjahr zu sorgen; wenn wir doch so stetige, wenn auch ernste Zeiten hätten, daß wir das auch könnten. Ich fürchte, der Ablauf der Dinge ist so, daß wir nichts anderes tun können, als sich in der Geduld zu üben. Von mir gilt das besonders. Es ist eigenartig, wie Ihre Worte den längst vergessenen Spruch aus meiner Kindheit wieder ins Gedächtnis zurückgerufen haben. Ich glaube an ihn, und ich fange auch an, die darin liegende Weisheit mir zu eigen zu machen. Natürlich gibt es Rückfälle, aber es gibt auch Fortschritte; man ist ja auch nie zu alt, sich erziehen zu lassen. - Es geht mir überhaupt geistig besser als körperlich. Nervosität ist ja nicht gefährlich, aber unangenehm.

Die Erneuerung der ev. Kirche interessiert mich nicht nur, ich nehme an ihrem Geschick lebhaftesten Anteil. Wenn auch diese Begleiterscheinungen nicht erfreulich sind, so zeigen sie doch, daß man erfreulicherweise den richtigen Mann gewählt hat. Ich fürchte, daß wir in absehbarer Zeit einen Zusammenstoß zwischen der politischen Gewalt und den beiden Kirchen, der ev[angelischen und der kath[olischen], erleben; er kann, wenn diese konsequent bleibt, gar nicht ausbleiben. Schade, daß ich Ihnen das, wie so vieles andere, in dieser von Grund auf aufgewühlten Zeit nicht einmal mündlich vortragen kann.

Was denkt Ihr Mann von der Weltwirtschaftskonferenz? Ich glaube nicht an einen nennenswerten Erfolg für uns. Das politische Vertrauen fehlt in der Welt - siehe Genf -, von der Festlegung des Dollars und des Pfundes haben wir nichts, es sei denn, wir gingen mit und dann ist schließlich alles wie vorher, unsere Waren wird man nur hereinlassen, wenn wir die Produkte der anderen nehmen, Kriegsschulden bezahlen wir schon lange nicht mehr, jetzt auch keine sonstigen Auslandsschulden, was soll sich also besonders Gutes für uns ereignen! Schließlich wird die Londoner Konferenz die Schuld ihres Misserfolges der Genfer Konferenz zuschieben und umgekehrt. Und in Deutschland! Es geht alles langsamer als man denkt, zum Guten wie zum Schlechten, bis ganz plötzlich doch das eintritt, was sich allmählich und fast unbemerkt angekündigt hat. Mehr wie je glaube ich das, was ich Ihnen sagte: entweder man wird sich ändern oder man hat schnell abgewirtschaftet. - Sorgen Sie, daß sich Ihr Mann nicht mit Arbeit übernimmt und seine Nerven schont. Hat er zur Zeit Sorge mit A. Levy? Meine Frau glaubte es, aus einer Bemerkung - Hagen habe ihm eine schöne Erbschaft hinterlassen - schließen zu können. Was macht Herr Flick? Hat er noch seine Rh. W. E.-Aktien, oder hat er schon Harpen? - Verzeihen Sie, wenn ich soviel frage, aber man hört hier von solchen Dingen nichts.

Wenn Sie die seelische Konstruktion von Schröders vom humanistischen Standpunkte aus betrachten, so tun Sie einen Akt der Freundschaft und der Nächstenliebe. - Was meine geschäftlichen Angelegenheiten angeht, so fürchte ich fast, sie hier zu sehr zu vergessen. Ich muß mir oft sagen, daß noch ein hässlicher Kampf meiner wartet, und ich scheue jetzt so sehr den Kampf, ich bin ihm auch noch nicht gewachsen. - Schade, daß Sie Pfingsten nicht in Zoppenbroich sein konnten, Sie werden diese Sonntage in Ihrem schönen Garten verbracht haben. Wie sieht er aus, blühen jetzt die Rosen schon? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir, falls Sie ein freies Kaltbeet haben, eine Anzahl Stecklinge auch von Hortensien, Astern u.s.w. machen würden. Es ist mir gelungen, mit ziemlich viel aktiver und passiver Geduld von den 4 Skimmiazweiglein, die Sie mir nach Neuß schickten, 3 in meinem Zimmer in einem Wasserglas zur Bewurzelung zu bringen, 1 steht jetzt in Erde, die 2 anderen werden demnächst eingetopft. Ich gebe mir die größte Mühe mit ihnen und hoffe, sie später als erinnerungsreichen Besitz nach Hause zu nehmen. - Es war schön, daß Sie Ihren Sohnzu Hause hatten, man muß seinen Kindern jetzt möglichst viel sein. Ich glaube, daß mein Sturz für meine 3 ältesten Kinder in mancher Hinsicht sehr charakterfördernd war, sie halten sich alle drei recht gut. - Sie wissen, welch großes Interesse ich für Ihre Tätigkeit habe und daß es mich sehr freuen wird, darüber, über Ihre Lektüre, über Ihre Ansichten hinsichtlich alles dessen, was ständig vor sich geht, Näheres zu hören. Vielleicht interessieren Sie die anliegenden Artikel aus d. Frankfurter und d. N[euen] Zürcher Z[eitung]. Ich mühe mich redlich ab, die Zeit hier in der richtigen Weise zu benutzen.

Mit vielen herzlichen Grüßen
Ihr

Konrad Adenauer

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 61-63.