29. Juni 1933: Brief an Dora Pferdmenges, Köln, aus Maria Laach (Auszug)

Liebe Frau Pferdmenges!

Herzlich danke ich für Ihren Brief; Sie glauben gar nicht, wie dankbar man in der „Verbannung" zu werden lernt! Sie frugen mich, ob Ihr Mann einen Artikel veröffentlichen solle; ich hatte nicht geantwortet, weil ich befürchtete, zu pessimistisch zu sehen. Die Ereignisse, die eingetreten sind, geben aber wohl die beste Antwort auf die Frage; ein solcher Artikel ist wirklich nicht zeitgemäß. Was wird nun werden? Hugenberg fort, Aktien steigen, Renten fallen; denn jetzt kommt der Kampf gegen die ‚Zinsknechtschaft'. Deutschnationale Partei fort, Zentrums Tage gezählt! Übrigens wird Hugenberg einmal in die Geschichte eingehen als der Mann, der den Parlamentarismus in Deutschland zu Grunde gerichtet hat. Unter den Artikeln, die ich beilege, ist ein Artikel der Fr[an]kf[ur]ter Zeitung über Hugenberg, der nicht unrichtig ist.

Dem Zentrum weine ich keine Träne nach; es hat versagt, in den ver­gangenen Jahren nicht rechtzeitig sich mit neuem Geiste erfüllt. M.E. ist unsere einzige Rettung ein Monarch, ein Hohenzoller[,] oder meinetwegen auch Hitler, erst Reichspräsident auf Lebenszeit, dann kommt die folgende Stufe. Dadurch würde die Bewegung in ein ruhige­res Fahrwasser kommen.

Eine herzliche Bitte zum Schlusse des politischen Teiles: diskutieren Sie bitte nicht mit einem Nazi, Sie schaden sich nur selbst. - Die Vorgänge in der evangelischen Kirche erfüllen mich mit wirklicher Trauer. Wann wird die katholische Kirche in Schwierigkeiten kommen? - Ich danke Ihnen für Ihre optimistische Meinung hinsichtlich meiner Zukunft, ich kann sie leider nicht teilen. Seit einer Woche ist ein Generalangriff auf meine Nerven im Gange. Der Antrag auf Grund des § 4 des Beamtengesetzes hat mich innerlich sehr tief getroffen. Dann noch andere Demütigungen, das ganze Demütigende meiner jetzigen Lage, meines Aufenthaltes; vielleicht neue Schwierigkeiten wegen Rheinbraun - mein Schwiegervater hat heute den Brief nach dort gebracht, kurz, von Vollkommenheit und ruhigem Ertra­gen bin ich zur Zeit sehr weit entfernt; ich weiß wirklich nicht, wie das alles enden, was einmal aus meiner Familie werden soll.

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Darf ich noch einmal politisieren? Jede Revolution zerstört, sie muss zer­stören. Es fragt sich nur, was und wieviel. Wenn sie soviel und so schnell und so gründlich zerstört, dass der Neuaufbau unmöglich oder fast unmöglich wird, wenn der revolutionäre Zustand nicht rechtzeitig in die Periode der neuen Ruhe und des neuen Aufbaus übergeht, dann kommt die Katastrophe. Also warten wir jetzt ab, aber es wird Zeit, dass die Zeit der Beruhigung und des Aufbaus einsetzt.

Einen sehr guten Spruch las ich dieser Tage, „verlorene Macht kann man wieder gewinnen, verlorene Würde nicht." [...]

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 68-70.