5. und 6. Juli 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Da es, wie ich leider von meiner Frau höre, noch unsicher ist, ob Sie und Ihr Mann mich am Samstag besuchen werden, will ich Ihnen für alle Fälle einige Zeitungsausschnitte schicken. Sicher werden die über das Geschehen in der evangelischen Kirche Sie und Ihren Mann interessieren. Wie mag das nur alles ausgehen, hoffentlich zum Guten und zu einem neuen Leben. Aber traurig ist es doch sehr, wieviel Schmerz und Gewissensqualen birgt sich hinter alle dem. Das Zentrum wird wohl, während ich das schreibe, aufgehört haben zu existieren. Ich begrüße es mit geteilten Gefühlen. Auf der einen Seite fällt mir eine Last von der Seele. Ich habe eine konfessionelle Partei immer für ein allerdings notwendiges Übel, oder besser weniger Gutes gehalten, und ich bin, wie Sie wissen, seit Jahren mit der Zentrumsführung nicht zufrieden; auf der anderen Seite scheidet man doch nur schweren Herzens von einer Partei, der man sein ganzes Leben angehört hat, und ferner, wie wird die Zukunft sein?

Heute ist hier der katholische Pfarrer des Nachbardorfes in Schutzhaft genommen worden, die Pastores der Trierer Diözese sind streitbarer als ihre Kölner Konfratres. - Mein Aufenthalt hier ließ sich nicht länger geheim halten. Das ist einerseits schade, andererseits hört damit das dumme Gerede, ich sei im Auslande, auf. Hier und da meldet sich jetzt einer, mich zu besuchen; im allgemeinen lehne ich es aber dankend ab. - Sie werden von meiner Frau gehört haben, daß die Reise meines Schwiegervaters Erfolg gehabt hat. Ich bin darüber sehr froh, diese Sache hatte mich wirklich angegriffen. Hoffentlich kommt nunmehr in Berlin nichts mehr dazwischen. Von meinem Dienststrafverfahren höre und sehe ich einstweilen nichts, es geht aber seinen Gang weiter. Ich denke, daß ich in kürzester Zeit aus meinem Amte scheide; ich hatte mir ja früher das Ausscheiden anders gedacht. Nach Hause werde ich aber wohl zunächst noch nicht können. Heute bin ich 10 Wochen hier, übrigens steht das eine Skimmiazweiglein noch immer im Wasser, man muß Geduld haben.

Ich habe das Gefühl, als ob seit einigen Monaten in der Stellung der Staaten zueinander stärkste Verschiebungen vor sich gingen; die aktive Politik Rußlands ist auch ein Teil davon, und als ob sich die Welt ganz gedreht hätte.

Ich studiere jetzt Landwirtschaft. D. h. ich studiere eine ziemlich ausführliche wissenschaftliche Arbeit über die Laacher Gutswirtschaft. Ich muß gestehen, daß sich allerhand dazu gehört, einen großen Gutsbetrieb zu leiten, es ist wirklich keine Kleinigkeit.

Ich hoffe doch noch, daß Sie und Ihr Mann am Samstag kommen und dann Maria Laach in sommerlicher Pracht bewundern können.

Mit herzlichen Grüßen an Sie und Ihren Mann

Ihr
Konrad A.

 

6. Juli 1933

Es ist jetzt so strahlendes Sommerwetter, und das Barometer steht so hoch, auch interessiert mich Cavour so sehr, daß ich auf baldigen Besuch hoffen möchte. Ich möchte auch gerne hören, was Ihr Mann von der Wirtschaft und der Währung hält. Ich denke, daß Ihr Mann morgen Herrn Vogler bei Rheinbraun sieht. Ich habe Grauert geschrieben, wenn § 4 noch in Frage komme, möchte er mich vorher empfangen. Ob es wohl zweckmäßig ist, wenn Vogler noch einen Schritt bei Grauert tut? - Was werden jetzt Ihre Blumen schön blühen, hoffentlich sind Ihre Blumen noch gesund. 

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 72-74.