27. Juli 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Zu allererst muß ich Ihnen herzlich danken, daß Sie mir so bald in mein Exil geschrieben haben; mit Ihren Briefen tun Sie wirklich ein gutes Werk, Gott lohnt es Ihnen einmal. - Wie ich es in Berlin gefunden habe? Wenn noch irgendein Zweifel gewesen wäre, wie richtig Sie an dem Samstag, als Sie hier waren, gesprochen haben und wie gut es war, daß Sie so gesprochen haben, er wäre in Berlin behoben worden - nur mit dem eventuellen Wechsel des Wohnorts, das kann ich noch nicht acceptieren, es wäre zu hart. Aber ich habe wieder einmal gesehen, wie klar Sie die Situation sehen und wie zuverlässig das ist, was Sie sagen. So bitter die ersten Tage in Berlin waren, der vollständige Umschwung zum Schlimmen in meiner Angelegenheit, das Demütigende der Vernehmungen, trotz der an sich guten Aussagen, der letzte Tag hat mich sehr entschädigt: Sie wissen, was mir der Tiergarten ist, und ich fühlte mich frei, so daß ich des Abends fast meine ganze Lage vergaß. Daran war allerdings die Gesellschaft sehr wesentlich schuld.

Sie haben von meiner Frau telephonisch gehört, daß sie mir gestern die Entlassungsverfügung mitgebracht hat; am Tage vorher hatten meine Söhne sie mir telephonisch vorgelesen. Ich bin dann auf den Berg gegangen, auf dem wir im Frühjahr einmal waren, von dem man einen so schönen Blick auf den See und ins weite Land hat. Dort habe ich mich hingesetzt und die Bilanz meiner Arbeit gezogen, und ich war mit ihr zufrieden. Nicht als ob ich keine Fehler gemacht hätte, die macht jeder, aber ich habe die Überzeugung, daß die Conception der mir gestellten Aufgabe richtig war, und daß ich an sie meine ganze Kraft hingegeben habe; die Arbeit wird auch nicht umsonst gewesen sein, des bin ich sicher. Ich habe auch für meine Heimat und für Deutschland nach besten Kräften gearbeitet. Ich habe mir schon vor Jahren immer als Wahlspruch gesagt, es ist wichtiger und richtiger, was die Nachwelt über einen sagt, als die Mitwelt. Das war immer meine Maxime, das soll sie auch jetzt bleiben. Einen Vorwurf muß ich mir machen: ich habe über der Besessenheit für meine Arbeit meine privaten Interessen vernachlässigt, und das tut mir leid wegen meiner Familie. Gott Dank ist aber meine ganze Familie recht tapfer, und wenn der Körper, was mir mein alter Hausarzt mit Bewunderung bescheinigt hat, es aushält, dann wird sich schon einmal wieder etwas finden. - Es ist merkwürdig, wie es im Leben geht. Ich habe schon vom ersten Mannesalter an immer in Gedanken gesorgt und gesorgt bis in die späte Zukunft hinein, und nun bringt mir unser Herrgott die mir an sich furchtbar schwere und drückende Wahrheit bei, nicht so sehr sich auf sich selbst zu verlassen, sondern Ihm zu vertrauen. Ich bin trotz allem fast heiter, sicher kommen trübe Stunden und Tage - im Cavour, der mich sehr interessiert, ich schreibe Ihnen später einmal darüber, habe ich gelesen, daß es ein Zeichen ganz passiver Naturen sei, sich ohne Schwankungen zu ergeben, und passiv bin ich nun einmal nicht -, aber ich komme ganz gut darüber weg. Sie wissen, „verlorene Würde kann man nicht mehr erlangen“, und das soll mir keiner meiner Feinde nachsagen, daß ich die Würde verloren hätte. Innerlich hatte ich mich schon langsam seit Monaten von meiner Arbeit gelöst, und Gott sei Dank habe ich seit 2 Jahren eine feste Führung, der ich in meiner inneren Struktur unendlich viel verdanke. Nun verzeihen Sie, wenn ich zuviel von diesem Vorfall geschrieben habe; man kann besser darüber reden als schreiben.

Aus Ihrem Versprechen, mir mündlich mitzuteilen, was Sie über Arbeitsbeschaffung und Geldpolitik gehört haben, entnehme ich zu meiner großen Freude, daß Sie bald einmal hierhin zu kommen gedenken. Können Sie nicht, wenn Sie Ilse nach Kreuznach bringen, auf der Rückfahrt hier eine Visite machen? Das wäre sehr schön. - Unser Fräulein kommt mit den Kindern - 2. Serie - am 3.8. nach hier, Paul darf einige Tage bei mir im Kloster wohnen, worauf er sich sehr freut. Ria wird am 4.8. in der Lindenburg operiert - daß man dann nicht einmal bei seinem Kind sein kann, ist schmerzlich -, meine Frau bleibt deshalb noch 8 Tage länger in Köln, kommt dann auch hierhin. Ich freue mich, daß Heinz zu Ihnen kommt, Sie haben ihn so gern zu Hause; vielleicht bringen Sie Max einmal mit ihm zusammen, er bleibt, ebenso wie Konrad, der heute seine Examensarbeit abliefert, in Köln. Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie meine Frau eingeladen haben; sie empfindet es sehr wohltuend, sie fürchtet aber immer - erklärlicher Weise -, kein angenehmer Besuch zu sein und will daher etwas genötigt sein, damit sie diese Empfindung überwindet.

Phlox und Helenium; ich kann mir Ihren Garten so gut vorstellen; ich hatte mir dieselbe Zusammenstellung für meinen Garten vorgenommen, falls ich ihn nächstes Jahr noch besitze. Was machen Ihre schönen Kübel im Garten? Über das Skimmiaschwesterchen herrscht große Freude. Hier geht es allen Skimmias ausgezeichnet, als ich von Berlin zurückkam, war - kindlicher Weise - der erste Gang zu dem Fenster, auf dem sie zu stehen pflegen. Auch das 4. Skimmiakind ist jetzt - leider - aus dem Säuglingsalter heraus; es war zuerst ein richtiges Sorgenkind, es war schon am vertrocknen und sterben, ich habe es dann operiert, und es hat daraufhin mehr Wurzeln bekommen als eines der andern. Es musste aber jetzt andere Nahrung bekommen als Wasser, und so habe ich es gestern -gestern vor drei Monaten bin ich gekommen, die Skimmia hatte drei Monate im Wasser gestanden, und ich hatte das Schriftstück über meine Entlassung erhalten - eingetopft, nicht gerade eine Erinnerungseiche, aber etwas Ähnliches. Sie dürfen nicht über meine Pflanzenschwärmerei lachen, mir ist jede Pflanze wie ein lebendes Wesen, dabei so still und hilflos; ich kann es sehr gut verstehen, daß nach griechischer Anschauung in jedem Baum eine Dryade lebt, ich möchte es auch fast glauben. Damit ich Ihnen nur nicht zu abergläubisch vorkomme, muß ich Ihnen doch noch sagen, daß ich über die Trierer Wallfahrten sehr empört bin; der Rock ist natürlich nicht echt, es gibt, glaube ich, 18 heilige Röcke, und die Kirche sollte etwas derartiges m. E. nicht begünstigen, obgleich sicher viele Wallfahrer tief dabei empfinden.

Über die Tagung hier, an der Herr v. Papen teilnahm, meine Ansicht über das Konkordat möchte ich Ihnen mündlich erzählen. Übrigens ist die „Neue Zürcher Zeitung“ der Auffassung, daß die deutschen Christen, wenn man die ganzen Verhältnisse berücksichtigt, keinen besonderen Sieg errungen hätten. Nun habe ich sehr viel geschrieben, zum Teil aus „do ut des“-Politik, nein, das war mehr im Unterbewusstsein. Ich freue mich sehr, daß es Ihrem Vater so gut geht. Grüßen Sie Ihren Mann. Ich hoffe, daß es Ihnen beiden gut geht.

Recht herzliche Grüße
Ihr

Kon. Adenauer

[P.S.] Die Lavendel waren sehr schön, hier ist nichts mehr an Blumen als Astern! - Weil Sie soviel Interesse an Naturwissenschaften haben - Tintenfische habe ich übrigens lebend noch nicht gesehen -, werde ich Ihnen ein Heft des „Kosmos“ zur Ansicht schicken lassen; ich kann Ihnen das - billige - Abonnement sehr empfehlen. 

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 74-77.