29. und 30. August 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Es kommt mir vor, als wenn ich Ihnen - wegen Ihrer mehrfachen Abwesenheit von Köln - seit unendlich langer Zeit nicht geschrieben hätte. Es ist sehr schade, daß man in diesen so bewegten und inhaltsreichen Zeiten sich nur so selten und so unvollkommen austauschen kann. Wenn die übrigen Länder ihre Ferien hinter sich haben, wird wohl eine politisch interessante Zeit beginnen.

Ich weiß nicht, ob Sie die Berichte über die Internationale Tagung der Sozialdemokratie in Paris gelesen haben. Die sozialistische Bewegung, soweit sie von der Sozialdemokratie geführt wurde, scheint auch international zu erlahmen. Die Rede, die der Vorsitzende der früheren deutschen Sozialdemokratie, Wels, gehalten hat, fand ich sehr schwach; „Rache“ - darüber sprach er - finde ich, ich glaube, ich treffe mich darin mit Ihnen, unwürdig, so schwer auch an und für sich manchem der Verzicht darauf sein mag.

Heute fahren die 3 Kleinsten zurück, morgen folgt meine Frau, Paul bleibt noch 1 Woche hier, am Sonntag kommt mein Sohn Max für einige Tage, dann wird es wieder sehr still hier werden. Wie lange ich hier noch bleiben werde, lässt sich auch nicht annähernd übersehen; es ist doch eine schwere Geduldsprüfung; darüber hinaus ist für jemand, der sein ganzes bisheriges Leben in einer - scheinbar - sicheren Bahn verbracht hat, der Blick in eine vollständig verhangene Zukunft ein schweres Problem. Man muß sich im wahrsten Sinne des Wortes Gott ganz in die Hand geben, und das erfordert starken Glauben und starkes Vertrauen. - Ich weiß gar nicht, was ich meiner Tochter Ria zu tun raten soll. Sie trägt den Umschwung in unsern Verhältnissen, der für sie infolge des Wegfalls aller gesellschaftlichen Beziehungen bei ihrem Alter - fast 21 Jahre -besonders schwer ist, in ganz ausgezeichneter Weise, ist fleißig und strebsam, aber was soll sie werden? Das Studium liegt ihr nicht, bietet auch keine Aussichten; es ist für ein junges Mädchen noch schwieriger heute als für einen jungen Mann. Den Sommer über hat sie Sprachstudien getrieben, sie ist im Englischen und Französischen ganz gut, Schreibmaschine, Stenographie, Buchhaltung gelernt, aber was nun? Ich möchte sie eigentlich den Winter über diese Kenntnisse vervollkommnen, dazu Hauswirtschaft lernen lassen, damit man sieht, wie die Welt nächstes Frühjahr aussieht.

 

30. August 1933

Heute ist meine Frau abgefahren, sehr schweren Herzens, der Aufenthalt in Köln ist ihr doch sehr bitter, nicht wegen des Verlustes der Stellung, sondern wegen der ganzen sonstigen Situation. Sie kennen die Werke der „geistigen Barmherzigkeit“; Sie tun eins von ihnen, wenn Sie sich regelmäßig etwas um sie kümmern und sie regelmäßig aufsuchen, sie empfindet das sehr dankbar.

Sie waren wohl von Berlin aus in Lindenberg? Wie kommen Sie sich in dieser Situation vor? - Was macht Ihr Garten? Phlox, Helenium, [...] werden verblüht sein; ich hoffe aber, daß sich Ihre Rosen gut entwickelt haben, auch Ihre Astern - von denen ich letzten Herbst bekam - werden jetzt bald blühen, ich habe das Bild Ihres Rosengartens mit den blühenden Astern ringsherum so gut vor den Augen. Ich habe Unglück mit meinen Skimmiapflanzen gehabt. Stehen sie bei Ihnen trocken oder feucht, und in welchem Boden? Mir hatte ein Sachverständiger gesagt, es seien Moorbeetpflanzen, infolgedessen habe ich sie zu feucht gehalten und sie haben Wurzelfäule bekommen. Ich habe sie umgetopft, zwei wieder ins Wasser gesteckt, hoffentlich bekomme ich sie doch noch durch.

Hier ist es Morgens und Abends doch schon herbstlich, so schön auch die Tage sind. Den Hochsommer liebe ich nicht, ich fand zwei Gedichte über den Sommer, die ich Ihnen beilege, wenngleich ich das eine etwas zu lebensmüde finde. - Ich lege Ihnen auch bei Abschrift eines Artikels aus der Zeitschrift „Natur und Kultur“; ich dachte dabei an Ihren Glauben an Hermanny; ich hoffe nur, daß Sie über den Glauben an ihn den Glauben an die medizinische Wissenschaft - bei aller kritischen Betrachtungsweise - nicht verlieren. Vielleicht interessiert Sie auch die Notiz über die Prinz-Eugen-Ausstellung, nachdem Sie jetzt das Buch über ihn gelesen haben. Kennen Sie übrigens das Buch über Talleyrand, das im letzten Jahre erschienen ist? Ihrem Manne habe ich geschrieben, daß er Ihnen das neueste Buch von Paleologue über die letzte Zarin anschaffen möge.

Daß Sie und Ihr Mann uns an dem Sonntage so überrascht haben, war sehr schön; es hat mir wirklich sehr gut getan, man bekommt immer wieder neue Kraft und Ausdauer - es ist so nötig -, hoffentlich ist es Ihnen möglich, bald wiederzukommen. - Ich erwarte hier Ende der Woche Prof. Grimm; ich habe mich überhaupt noch nicht über meine ganze Lage in Ruhe aussprechen können, auch nicht in Berlin, und ich verlange doch sehr nach einer solchen Aussprache. Wenn Herr HeinemanMitte September kommt, kann er hoffentlich sich mit Ihrem Manne einmal besprechen; wenn Sie und Ihr Mann dann von Köln abwesend sein sollten - ich nehme an, Sie werden doch zur Erholung vor dem Winter etwas verreisen -, wird Ihr Mann ihn vielleicht einmal danach in Brüssel aufsuchen, oder er kommt noch einmal nach Köln; er reist noch viel mehr als Ihr Mann in Europa herum.

Ich hoffe, daß es Ihrem Manne und Ihnen gut geht und daß ich
nicht ganz vergessen werde. Mit vielen herzlichen Grüßen an
Ihren Mann und besonders Sie

Ihr
Konrad A.

[Beiliegende Notiz] Professor Schröder, der Leiter des Instituts für Metapsychologie in Berlin, brachte zwei Glasschalen mit angefeuchteten Bohnen unter gleiche Verhältnisse des Lichtes, der Wärme und der Feuchtigkeit. Er ließ das eine Glas von einer magnetopatisch begabten Person 4 Tage lang je etwa nur 8 Minuten lang „bestrahlen“, das heißt zwischen die Fingerspitzen nehmen. Die „bestrahlten“ Bohnen keimten viel rascher als die unbestrahlten. 

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 78-81.