19. und 20. September 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Es war ein richtiger Weihnachtsgabentisch, mit dem Sie mich so überrascht und erfreut haben. Ich war wirklich ganz gerührt von so viel Güte, die aus der Auswahl und Zusammenstellung sprach. Zuerst habe ich nach dem Aufsatz von Rolland gegriffen und mich daran erfreut, dann habe ich mir eine gute Tasse Kaffee gemacht - ich wollte, es ginge mit der Kaffeeflasche wie mit dem Ölkrüglein der Witwe von Sarepta - und köstlichen Lebkuchen gegessen. Sie sehen aus der Folge, daß es mit der Abgeklärtheit noch nicht soweit her ist. Ich danke Ihnen recht herzlich für alles, insbesondere für Ihre freundschaftliche Güte. Ich wünsche mir, einmal die Gelegenheit zu haben, mich etwas zu revanchieren.

Ich finde es sehr vernünftig, daß Sie Ihren Wagen mitgenommen haben. Als ich vor zwei Jahren im Oktober in [Baden-Baden] war, hatte ich den Wagen des Dr. H[...] öfter zur Verfügung und habe gestaunt, welche Fülle schöner Ausflüge man machen kann. Hornisgrinde habe ich immer nur bei trübem Wetter besucht, und dann macht sie und der Mummelsee einen traurigen Eindruck. Hoffentlich hatten Sie und haben Sie noch so schöne, sonnige Tage, wie sie hier waren. Sie werden sicher auch einmal nach Straßburg fahren, dann grüßen Sie das Münster von mir, ich habe eine wahre Sehnsucht nach ihm.

Über dem See ist jetzt die Luft oft ganz silbrig, eine entzückende Färbung, die Natur ist noch schön, aber so müde, sterbensmüde. Man sieht ihr an, wie gerne sie zur süßen Ruhe geht. Ich finde, daß die Natur im Winter nicht so nach Tod aussieht wie jetzt; wenn die Blätter gefallen sind, sieht man die neu getriebenen Knospen und denkt schon an den Frühling.

Sie waren mit meinem letzten Briefe nicht so ganz einverstanden, ich glaube aber, daß Sie mir Unrecht getan haben. Ich bin wirklich nicht verzweifelt, wenngleich ich davon überzeugt bin, daß ich niemals wieder eine [...] meine Zeit und Kraft ausfüllende Arbeit bekomme und insofern, wenn man will, eine erledigte Existenz bin. Ich muß deshalb versuchen, aus den vorhandenen Trümmern eine bescheidene Hütte zu errichten; ob das gelingt, weiß ich auch nicht, ich hoffe es, ich hoffe auch, daß sich Hände finden, die mir dabei helfen. Wenn mir das gelingt und wenn mir dadurch eine kleinere Arbeit, die einen etwas noch ans Leben heranbringt, zuteil wird, will ich zufrieden sein. Ich verzweifle also wirklich nicht - natürlich hat man seine trostlosen Stunden und Tage - und sage mir, daß es noch schlimmer hätte kommen können und daß andere es noch schlimmer haben. Sie haben im Gespräch mit meiner Frau gemeint, es sei richtig, das Dienststrafverfahren zu beschleunigen, dann könnten meine Freunde auch eher etwas für mich tun; ich weiß nicht, ob das richtig ist. Wenn ich das Verfahren beschleunige - was übrigens kaum in meiner Macht liegt -, würde ich, wie die Verhältnisse zur Zeit noch liegen, in erster Instanz sicher irgendwie bestraft werden, und das kann ich mir leider nicht leisten; wenn ich es mir leisten könnte, mit Vergnügen.

 

20. September 1933

Nach dem, wie ich höre, wird man sogar damit rechnen müssen, daß das Disziplinarverfahren noch Jahr und Tag dauert. Übrigens habe ich mich damit abgefunden, zunächst einmal bis zum Frühjahr hier bleiben zu müssen. Mit den Schwalben bin ich also nicht weggegangen - sie haben sich mit einem Zwitscherkonzert in fortissimo verabschiedet - in der Hoffnung, daß die in Aussicht gestellten öfteren [sic!] Besuche nicht eine fata morgana bleiben. - Sie lieben I[solde] Kurz sehr; ich habe in den 5 Monaten, die ich jetzt hier bin, nur ein belletristisches Buch, von Conrad, gelesen. Auf Ihr Urteil über Spengler bin ich gespannt. Ich habe drei Rezensionen über das Buch gelesen, die Inhaltsangabe war in jeder ganz anders. Ich bekomme ihn jetzt geliehen, mal sehen, zu welchem Urteil man kommt. Die Stelle von Zehrer habe ich Ihnen geschrieben, um darzutun, wie schnell die Ernüchterung kommt. Ich mache sie mir nicht ganz zu eigen, aber es ist doch viel Wahres daran. Ich überschätze mich aber wirklich nicht, und ich verlange auch nicht zuviel von den Menschen. Vor einigen Tagen hat mich ein - ernst zu nehmender - Journalist besucht, und er hat mich gefragt, ob ich große Enttäuschungen bei Menschen erlitten hätte. Ich habe ihm gesagt, ich hätte wenig von den Menschen erwartet und sei deshalb auch nicht enttäuscht worden. Was nun Schopenhauer angeht, in dem ich, wenn möglich, täglich lese, so ist seine Lektüre wegen ihrer Kälte und Ehrlichkeit eine wahre Wohltat nach all' dem verlogenen unehrlichen Quatsch, den man heutzutage vorgesetzt bekommt. Er hat sicher nicht in allem Recht; er verkennt m. E. vor allem, daß nicht nur der Verstand, daß auch das Gemüt des Menschen eine reale Tatsache ist, daß nicht nur das Leid, daß auch das Glück etwas sehr Positives ist, aber - in vielem, was er sagt, hat er Recht. Seine Sprache, seine Gedanken sind kalt und klar wie Winterluft; ein Frost macht ja nichts, das ist wahr, aber die Kälte tötet doch viele schädliche Bakterien, die sonst wuchern würden.

H[eineman] hat seine Reise zu mir auf Mitte Oktober verschieben müssen, sagen Sie es bitte Ihrem Manne, den ich einstweilen noch mit einem Briefe verschonen möchte; ich weiß, daß er kein Freund vom Briefschreiben ist, zumal nicht in den Ferien.

In der Landwirtschaft sind wir ja nun glücklich so weit, ich bin neugierig, was nun dran kommt. Westlich vom Sattel des Merkur führt ein Weg zu einem nicht weit von da gelegenen Dorf und [einer] Schlossruine - ich weiß den Namen nicht mehr -, von dort hat man einen wunderbaren Blick auf das jetzt schon oft das Rheintal erfüllende Nebelmeer; man geht zweckmäßig über das neue Schloss und dann einen langsam aufsteigenden Waldweg hinauf, einen der schönsten Wege und der schönsten Teile von Baden; machen Sie ihn einmal an einem schönen Morgen, Sie werden nicht enttäuscht sein.

Der Vers von Dante ist besonders schön und trostreich. Grüßen Sie Ihren Mann vielmals, erholen Sie sich beide recht gut, und seien Sie recht herzlich gegrüßt von Ihrem

Konrad Adenauer

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 82-85.