18. Oktober 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Maria Laach

Liebe Frau Pferdmenges!

Ich danke Ihnen recht von Herzen für Ihren guten, verständnisvollen Brief, der mir wirklich ein Trost war und mir neue Kraft gegeben hat. Umso mehr bedauere ich, daß mein vorangegangener Brief Sie betrübt hat. Wenn Sie kommen - ich hoffe von Herzen, daß Sie Ihren Vorsatz nächste Woche ausführen können -, will ich versuchen, Ihnen das alles klar zu legen, und ich hoffe, daß dem Sünder, der offen bekennt, Vergebung zuteil wird. Die Einsamkeit ist eine große Gnade, aber sie kann auch auf Irrwege führen. Man denkt die Probleme, mit denen man sich beschäftigt, immer wieder durch, man gewinnt in vielem eine größere Klarheit, als man sie draußen erringen kann. Aber wenn man in seinem Denken einen Irrweg einschlägt, dann läuft man Gefahr, sich auch gründlich zu verlaufen, und dann muß eine führende Hand einen zurückführen.

Wenn Sie kommen, dann bemessen Sie Ihren Aufenthalt - ich bekomme ja bitte vorher Bescheid, damit ich nicht irgendwo im Walde bin - nicht zu kurz, ich bitte Sie sehr darum. Es sind ja so sehr wichtige Dinge, mit denen ich mich beschäftige und die ich Ihnen vortragen möchte; ich möchte auch gerne einmal mit Ihnen über meine Beziehungen zur Deutschen Bank, die Wohnsitzfrage usw. sprechen. - Dem Satz, den Sie über die Quellen meiner Kraft schrieben, stimme ich vollkommen und aus wahrer Überzeugung zu; ich will nichts anderes, als was Sie darin zum Ausdruck bringen wollten; ich danke Ihnen sehr dafür.

Daß Herbst's fortgehen, bedauere ich für Sie; Sie haben Recht, die Kölner Kreise verändern sich sehr; aber ich hoffe doch, daß sich wieder einmal etwas Neues bilden wird, vor allem aber, daß Teile des Alten überstehen und noch dadurch gekräftigt werden. - Welch' rasend schnelle Entwicklung nimmt die Politik! Wenn man unsern Erdball betrachtet, die Lage in Europa, in Rußland, wo eine furchtbare Hungersnot herrschen muß, ganze Dörfer seien, wie ich hörte, ausgestorben, Nordamerika, Teile Asiens, dann kann man fast besorgt werden und sagen „Chaos regiert die Stunde“; aber man soll immer noch auf einen guten Ausgang aller Schwierigkeiten hoffen.

Über das Jagdglück Ihres Vaters freue ich mich sehr, weil ich darin wohl den besten Beweis dafür sehen kann, daß er ganz wiederhergestellt ist; ich habe in den letzten Wochen manchmal daran gedacht, ob Sie mit ihm in die Eifel gingen. Sie schilderten dann nach Ihrer Rückkehr die herbstliche Pracht der Wälder, davon ist hier noch keine Rede; der Wald fängt erst ganz langsam an zu färben, trotzdem es schon zweimal sehr stark gereift hat. Wenn der Wald sich gefärbt hat, müssen Sie aber unbedingt einmal mit meiner Frau hier hin kommen, wir machen dann einen großen Spaziergang rund um den See, vielleicht bringen Sie dann auch noch meine Tochter mit. - Würden Sie sie jetzt nach England gehen lassen? Es bietet sich ihr eine, wie ich glaube, ganz gute Gelegenheit.

Die Christrose blüht! Wie mich das freut; Sie haben es so schön gesagt. Ich habe oft an sie gedacht, aber weil Sie gar nicht von ihr sprachen, wagte ich nicht zu fragen. - Ich glaube, ich muß jetzt meine beiden Skimmia-Kinder ins Kalthaus zur Überwinterung geben, der Fensterplatz, den sie noch haben, ist nicht günstig. Die beiden Zweige, die ich nach der Bewurzelung amputieren musste, fehlen ihnen.

In meinen persönlichen Angelegenheiten hat sich auch wieder allerlei ereignet, Gutes und Schlechtes durcheinander; ich erzähle Ihnen davon. Daß mir aber in dem Aufsatz in den „Süddeutschen Monatsheften“ ein Strick aus meiner Tätigkeit 1923/1924 gedreht wird, ist wirklich schon eine starke Umkehr der Wahrheit. Auf meine Tätigkeit damals bin ich sehr stolz gewesen und mit Fug und Recht; denn zur Rettung der Rheinlande habe ich damals die ganzen Monate sehr wesentlich beigetragen; und die Leute, die uns damals abhängen und dem Feinde überantworten wollten, laufen heute in hohen Ehren als national gesinnte Männer herum! Es geht wirklich manchmal etwas komisch zu in der Welt.

Grüßen Sie den Tiergarten herzlichst von mir; an den Tiergarten im Herbst und Winter knüpfen sich bei mir so starke, wertvolle Erinnerungen. Vielleicht muß ich in den nächsten Wochen auch noch einmal nach Berlin. - Soll ich Ihnen hier und da nochmals Zeitungsausschnitte schicken? Ich würde sie so wählen, daß sie keine vorübergehenden Tagesfragen behandeln; ich denke mehr an Artikel, die einen gewissen Überblick geben. Mir würde die Auswahl zu treffen eine Freude sein. - Dieser Tage las ich einen Aufsatz über das Leid von einem Jesuitenpater Lippert, dessen Bücher in der Frankfurterzeitung [sic!] immer sehr gelobt werden. Er unterscheidet drei Gruppen bei den von Leid betroffenen Menschen: Die einen vergiftet es, sie werden bitter und hart; die anderen zerbricht es, sie werden müde, stumpf selbst gegen das Leid, apathisch, sie sehnen den Tod herbei; die dritten erhebt und veredelt das Leid zu einer sonst nicht erreichbaren Höhe und Größe. Ich glaube, Sie gehören zu dieser Gruppe, während ich zwischen der zweiten und dritten Gruppe hin und her schwanke; aber ich habe wenigstens den festen Willen, endgültig zur dritten Gruppe zu kommen.

Es ist jetzt sehr still hier geworden; in den Wäldern kommen die Rehe wieder heraus und besehen einen ebenso interessiert und gespannt wie man sie besieht. Der Himmel sieht manchmal gar nicht nach Herbst aus, so golden versinkt die Sonne. Ich saß am Montagabend auf derselben Bank, auf der ich heute vor 14 Tagen saß, und der Abend verging diesmal wirklich in strahlender Schönheit, das junge Grün auf den Feldern gab Zeugnis vom Willen zum Leben. - Am Sonntag hatte ich es sehr gut: eine sehr schöne Post, einen sehr stillen Tag und abends zwei Beethoven'sche Symphonien. - Es ist sehr still hier geworden. Morgen kommt meine Frau für 3 Tage, es wird uns beiden gut tun.

Gute Reise nach Berlin und gute Wiederkehr und hoffentlich auf Wiedersehen hier nächste Woche (bringen Sie mir bitte etwas Himbeergelee und Kaffeeessenz mit - welch ein Kind! -).

Recht herzlichen Dank und Grüße
Ihr

Konrad Adenauer

[P.S.] Grüßen Sie Ihren Mann.

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 88-91.