15. Dezember 1933: Brief an Dora Pferdmenges aus Berlin

Liebe Frau Pferdmenges!

Herzlichst danke ich Ihnen für Ihren l[ieben] Brief, ich habe mich sehr über ihn gefreut - wie immer. Ich kann so aus der Entfernung Ihrem Tun und dem Geschehen in Köln folgen. Die Erwähnung Ihrer Gesellschaft letzten Sonntag ruft die Erinnerung an so manchen vergnügten Abend und so manche schöne Stunde in Ihrem Hause wach! - Weniger gefällt mir, daß Hermanny konsultiert werden muß, aber es ist ja nicht zu verwundern! Wenn er nur hilft und wenn keinesfalls durch seine Behandlung etwas versäumt wird!

Was haben wir doch für ein Jahr hinter uns, und was haben wir vor uns? Als wir übrigens Klöckner hier sahen, war er alles andere denn Optimist, ich habe ihn noch nie so gesehen. - Daß Ihr Mann manche Sorgen hat, kann ich verstehen, zumal jetzt, wo ich, wie ich glaube, allerlei Einblicke in das Wirtschaftsleben erhalten habe. Diese fast sechs Wochen, die ich jetzt in Berlin zugebracht habe, waren sehr lehrreich; ich glaube, einen ganz guten und einen relativ abgeklärten Einblick in die politische und in die wirtschaftliche Lage bekommen zu haben, das würde ich Ihnen sehr gerne - wie so vieles andere - einmal mündlich erzählt und mich gerne mit Ihnen darüber ausgetauscht haben.

Es ist schade, daß Sie in dieser Woche nicht nach Berlin gekommen sind; dann würde ich auch - von Ihnen mitgenommen - in die Charlottenburger Oper gegangen sein; so habe ich es nicht über mich gebracht, hinzugehen. Auch das - neu geordnete, z. Teil schauderhaft angestrichene - Kaiser-Friedrich-Museum hätte ich Ihnen gerne einmal gezeigt, es hat doch 40-50 sehr schöne Bilder, das andere kann man entbehren, München und Dresden stehen an Durchschnittsqualität entschieden höher.

Meine Sache steht so günstig, daß, wenn nicht etwas ganz Unerwartetes passiert, sie sehr friedlich ausgehen wird; auch mit der Kölner maßgebenden Stelle ist von einem Dritten - ohne mein Vorwissen - gesprochen worden, und sie hat erklärt, keine Schwierigkeiten machen zu wollen. Es ist mir Hülfe geworden von Personen, an die ich in dem Zusammenhange gar nicht gedacht hatte, und ich erblicke wirklich Gottes Fügung darin, der die Prüfungen von den Menschen nimmt, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben. Ein wirklicher Trost ist mir, wie schon früher einmal vor 25 Jahren in einer entscheidenden Phase meines Lebens, Hiltys „Schlaflose Nächte“ gewesen, eines der schönsten Bücher, die ich kenne.

Ich kann jetzt hier nichts mehr tun, sondern muß abwarten, wie alles zu Ende geht; ich fahre deshalb Sonntag nach M[aria] Laach zurück. Ich bin körperlich sehr müde, denn es waren aufregende und anstrengende Wochen. Dieses Arbeiten in gegen mich zusammengetragene Akten, über 1000 Seiten, hat an meinen Nerven geradezu gerissen und mir oft seelische Übelkeit verursacht. Aber ich habe doch auch manches dabei gelernt, auch über mich selbst, und es hat auch Lichtblicke in meinem Berliner Aufenthalt gegeben. Geistig - nun lachen Sie nicht und lächeln Sie auch nicht - werde ich mich, wie ich glaube, wenn die Zukunft meiner Familie mir in etwa gesichert erscheint, jünger und frischer fühlen als die ganzen letzten Jahre; es ist eine wahre Erholung, unbekannt unterzutauchen, und meine sonstigen Kraftquellen fließen stärker denn je.

In M[aria] Laach werde ich untertauchen in Einsamkeit, in Natur- und hoffentlich Gottesverbundenheit. Nächsten Donnerstag ist Wintersonnenwende, ein Tag, der mir als so ganz besonders schön und wertvoll erscheint. - Werde ich Sie noch sehen vor Weihnachten? Ich würde mich sehr darüber freuen.

Es war bitter kalt hier, heute geht es, und dabei in der Stadt oft ein dichter gelber Nebel, der ganz widerlich war. Auch hier liegt eine leichte Schneedecke; der Tiergarten, in dem ich so oft war, wie es meine Zeit irgend zuließ, sieht sehr winterlich aus; die Amazone sieht, zumal jetzt im Dunst und in der Dämmerung, wenn alle Konturen verwischt sind und alles unwirklich und märchenhaft erscheint, wundervoll aus.

Sehr gerne würde ich mit Ihnen einmal die Frage unseres zukünftigen Wohnsitzes besprechen; ich muß im Frühjahr wenigstens für eine Zwischenperiode geordnete Verhältnisse für meine Familie und mich schaffen. Auf Ihr klares Urteil, das haben Sie, wenigstens in der Regel, gebe ich hierbei besonders viel. Sehr dankbar bin ich Ihnen, wenn Sie sich meiner Frau und meiner Familie etwas annehmen, Sie tun ein wirklich gutes Werk damit, das dankbar anerkannt wird.

Über den Philosophen Dilthey habe ich vor kurzem gelesen, von ihm noch nichts. Es geht mir wie Ihnen, ich schrecke immer etwas zurück vor der Beschäftigung mit Philosophie, ich finde, es ist so furchtbar viel Gedankenakrobatik und Selbstgefälligkeit dabei. Sie haben vergessen, mir zu schreiben, welche Bücher Sie jetzt lesen. Für meine Tochter etwas zu finden, ist furchtbar schwer. Als besseres Kindermädchen möchte ich sie nicht gehen lassen, das hat keinen Zweck. Sie kann Englisch, Französisch, Schreibmaschine und Stenographie, und [...]

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 92-94.