November 1934: Brief an Dora Pferdmenges

Liebe Frau Pferdmenges!

Recht herzlichen Dank für Ihren lieben Brief und seine Nachricht. Er kam am Allerseelentage an, er vertiefte die Gedanken, die an einem solchen Tage so leicht kommen.

Ich freue mich sehr darüber, daß Sie wieder großes Interesse an Ihrem Garten haben, nur muß er - und insbesondere der Rosengarten - durch reichstes Blühen lohnen.

Ich höre viel über die Vorgänge in der evangelischen Kirche; sie und auch das, was sich in der katholischen Kirche ereignet, lassen Hoffnung auf neues religiöses Leben in Deutschland entstehen. Ohne das ist nach meiner Überzeugung kein neuer Aufstieg Deutschlands möglich. Ich finde, daß sehr vieles in einer Veränderung begriffen ist; vor einem Jahre hätte man das noch nicht für möglich gehalten.

Ich glaube nicht, daß Sie an George Freude haben werden. Ich habe mehrfach ihn zu lesen versucht, aber es ging nicht. Er ist m. E. ein Überästhet, aber er hat sehr wenig von dem, was der Dichter haben muß, wenn er in Wahrheit ein Dichter sein soll, Seele und Gemüt. Es ist etwas Krankhaftes und Manieriertes in ihm, was mich immer abgestoßen hat. - Lesen Sie doch einmal etwas von ihm, und dann sagen Sie mir Ihr Urteil. - Ich lege Ihnen einen Ausschnitt über Rilke bei, er steht m. E. viel höher.

Ihren Mann erwarte ich einstweilen noch zum 15. [ds.], hoffentlich kommt er nur, es ist so wichtig für mich, daß er mit Schütter spricht. - Es würde so schön sein, wenn Sie auch kommen; so vieles ist zurückgelegt für eine mündliche Aussprache, die ja so selten geworden sind [sic!]. - Am 17.11. spätestens muß ich nach M[aria] L[aach], um am 19. in K[öln] vernommen zu werden. Ich werde sicher einige Tage in M[aria] L[aach] bleiben, da ich wahrscheinlich nochmals an einem späteren Tage in Köln vernommen werden muß. Ich hoffe sehr, daß wir uns dann einmal in M[aria] L[aach] sehen, vielleicht können Sie mich einmal mit nach Honnef nehmen.

Meiner Frau und meinen Kindern geht es gut, aber sie leiden an Heimweh. - Mir ging es einige Zeit wieder gar nicht gut. Wenn man in eine andere Form gepresst wird, so ist das eine langwierige und schmerzhafte Prozedur. - Man kann Hülfe gut brauchen. Ich hoffe, daß die Wintersonnenwende neue Kraft und Leben erweckt.

Ich verspare mir viel auf mündlichen Austausch, auf den ich mich sehr freue.

Mit herzlichsten Grüßen
stets Ihr

Konrad Adenauer

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 100f.