20. Dezember 1934: Brief an Dora Pferdmenges aus Neubabelsberg

Liebe Frau Pferdmenges!

Daß ich Ihnen diesmal meine Weihnachtswünsche nur schriftlich ausdrücken kann, bedauere ich sehr, Sie wissen aber, daß sie so von Herzen kommen, wie die mündlich ausgesprochenen in früheren Jahren. So wünsche ich Ihnen denn, Ihrem Manne und Ihren Kindern ein recht schönes und frohes Fest, auch einige stille Stunden des Alleinseins und der Einkehr zu sich selbst trotz all' der Familienfestlichkeiten, die Ihrer wie jedes Jahr warten werden. Wenn die beiden für Sie bestimmten Bücher, Rom und Sizilien, Ihnen eine kleine Freude machen, so würde ich mich glücklich schätzen. Stahl, der Rom geschrieben hat, habe ich gekannt - er ist tot -, er war ein sehr feinsinniger und gebildeter Mensch. - Ihrem Manne bereitet „Richelieu“ hoffentlich etwas Zerstreuung.

Es ist ein eigenartiges Weihnachtsfest, das wir hier begehen werden; man darf nicht zu sehr grübeln über die Umstände, unter denen man es begeht, sondern man muß hoffen, daß das nächste Weihnachtsfest uns irgendwo findet, wo man wieder einigermaßen Wurzeln geschlagen hat. So flüchtet man aus der Gegenwart in die Zukunft und in die Vergangenheit, auch das vorigjährige Fest war so schön, und das ist wirklich vielleicht eines der größten Vorrechte, die Gott dem Menschen gegeben hat, daß er sich auch der Welt, die oft so schwer auf ihm lastet, in seine innere, von ihm selbst gestaltete Welt zurückziehen kann. Doch ich will die Reflexionen lassen, morgen ist Sonnenwende, ein so bedeutungsvoller Tag, und man hat so vieles geschenkt bekommen, daß man mit Mut und mit Hoffnung der Zukunft entgegen sehen kann.

Leider habe ich keine blühende Christrose, voriges Jahr brachten Sie eine so wundervolle mit, aber kräftig treibt sie, und sie lässt die kommenden Blüten ahnen. - Wir werden die Christtage ganz unter uns sein. Ich freue mich sehr auf die großen Kinder, von morgen an trifft jeden Tag eines ein; ich hoffe sehr, ihnen etwas sein zu können; ich stehe ihnen jetzt viel näher als früher, man rückt zusammen - ich glaube, man hat aber auch mehr zu bieten als früher.

Ich hätte Ihnen so gern Gedichte geschickt, aber ich habe nichts gefunden, was mir für Sie zugesagt hätte. - Ich habe mancherlei gehört seit Ihrer Abreise; es ist eine ganz neue von Scha.geführte Periode eingetreten. Ich wünsche ihm aus ehrlichem Herzen jeden Erfolg.

Von Weihnachten merkt man hier viel weniger als dort, zumal, wenn man so wenig Verbindung hat, wie wir es haben. - Ich lege sehr viel Unausgesprochenes bei und wünsche Ihnen und den Ihrigen von ganzem Herzen eine recht gnadenreiche Weihnacht.

Mit herzlichsten Grüßen
wie immer Ihr

Konrad Aden.

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 102f.