6. Januar 1935: Brief an Dora Pferdmenges aus Neubabelsberg

Liebe Frau Pferdmenges!

Herzlichst danke ich Ihnen für Ihre lieben Glückwünsche zu meinem Geburtstag. Ich komme mir eigentlich, trotzdem ich mir alle Mühe gebe, noch gar nicht so alt vor - Geheimrat v. Schnitzler und Frau Abegg haben sogar schon zum 60. Geburtstage gratuliert, welch' ein Mut!

An einem Geburtstage denkt man ja gern etwas zurück; wenn ich das tue, bin ich gar nicht so unzufrieden: Es war viel Bewegung in den Jahren, manche Schosse des Lebensbaumes sind stark zurückgeschnitten worden, andere wachsen vielleicht dafür umso kräftiger, vielleicht bekommt dem ganzen Baume das Kappen der Krone nicht schlecht, wenn auf die Aststümpfe neue gute Edelreiser aufgepfropft werden!

Recht bekümmert bin ich um Ihre Erkrankung. Aber ich glaube, es war gut, daß Sie in Gladbach geblieben sind, wahrscheinlich wird die Pflege ja dort besser sein als in Köln, und die Hausfrau hat ja doch, wenn sie zu Hause krank liegt, nicht die richtige Ruhe. Auch scheinen Sie dort einen vernünftigen Arzt zu haben, die Anordnung der 14-tägigen Bettruhe lässt darauf schließen - wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich meiner Frau verordnen, sich 14 Tage bei ihren Eltern in Tübingen ins Bett zu legen.

Ich würde Ihnen so gerne etwas Lektüre senden, in B[aden-]Baden brachten Sie mir ein schönes Buch, aber ich habe gar keine Belletristik hier mit Ausnahme der Bücher von Conrad. Seine Bücher sind zwar alle ernst, aber doch auch wieder so schön, daß ich Ihnen davon etwas schicken werde.

Wenn Sie jetzt in der Ruhe Ihres Zimmers die Ereignisse der Jahre 1933 und 1934 an sich vorbeiziehen lassen, glaube ich, werden Sie - mit mir - zu einer nicht ungünstigen Prognose für 1935 kommen; das ist natürlich alles relativ, aber es gibt doch Mut und stärkt die Nerven, die ja auch bei Ihnen Stärkung nötig haben.

Konrad ist am Donnerstag nach Stuttgart zurück, er bleibt einstweilen noch dort, Ria fährt Dienstag wieder nach Heidelberg, Max bleibt noch etwas hier; es wird dann wieder still.

Die Honnefer Pläne entwickeln sich sehr langsam, aber sie entwickeln sich anscheinend doch: Es ist uns ein Haus am Ausgang von Königswinter oberhalb des Bahndammes angeboten, das sehr preiswert ist und vielleicht in Frage kommt; es liegt ruhig, nur die Nähe der Eisenbahn macht mir Sorge.

Es freut mich sehr, wenn „Rom“ Ihnen gefällt. Bezüglich George bin ich, wenigstens soweit das Buch in Frage kommt, bekehrt, ich verstehe jetzt auch den Artikel von Rausch, den Sie mir s. Zt. schickten.

Ich wünsche Ihnen viel Ruhe und baldige völlige Genesung.

Mit recht herzlichen Grüßen
Ihr

Konrad Adenauer

[P.S.] Ich weiß Ihre Adresse in M.Gladbach nicht und adressiere daher nach Köln in der Hoffnung, daß Ihnen alles nachgesandt wird.

[P.S. Gussie Adenauer] Auch ich gedenke Ihrer mit den besten Wünschen für eine baldige Gesundung; wie traurig, daß Sie das neue Jahr so schlecht anfangen müssen, wie wäre es bei Ihnen mit einem Ei mehr pro Tag? Nun kurieren Sie sich aber nur gründlichst aus und stehen nicht zu früh auf; schade, daß ich Ihnen nicht einen kleinen Besuch am Bett machen kann.

Hier setzt jetzt starke Kälte ein, und man muß sich tüchtig vor einem scharfen Wind hüten. Aber alle sind gesund, und das Zukunftspläne machen macht Freude; ob wir wohl 1935 einander wieder etwas näher rücken? Nun wünschen wir Ihnen recht viel Geduld und Ausdauer im Bett und freuen uns, bald bessere Nachricht von Ihnen zu bekommen.

Recht herzliche Grüße, liebe Frau Pferdmenges, von

Ihrer Gussie Adenauer

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 106-108.