18. Oktober 1935: Brief an Dora Pferdmenges aus Freudenstadt

Liebe Frau Pferdmenges!

Um einen Brief nach hier hatte ich gar nicht mehr zu bitten gewagt, weil ich weiß, daß den von einer Reise Zurückkehrenden so mancherlei überfällt, und nun sind es Dank der vergessenen Herbstzeitlose sogar zwei geworden: Herzlichsten Dank für die Freude! - Zu hören, daß es Ihnen gut geht - nächstens bitte auch ohne besondere Anfrage -, hat mich vor allem gefreut, ich denke noch immer mit Schrecken an Ihren vergangenen Winter.

Über die Zahnsache müssen wir einmal sprechen, ich bin ja erfahrener Praktiker, gewöhnlich ist doch etwas nicht in Ordnung. Das „viele Arbeiten“ wird mich nie vom Schreiben abhalten, ich kann das nicht unwidersprochen lassen; ich wollte an Sie nicht gerne ins Ausland schreiben, wo ich Sie noch wähnte, weil ja alle Post durchgesehen wird.

Wir haben sehr viel Stoff für ein demnächstiges langes Gespräch: Beruf und Aufgabe, Faust, Goethe, ev[angelischer] Kirchenstreit - was Sie zu der neuesten Entwicklung sagen -, Außenpolitik, Wirtschaft, „Schädlingsbekämpfung“, Garten und noch einige andere Dinge; Sie sehen, es reicht für einen sehr langen Spaziergang. Stacheln sollen zurückgelegt bleiben, beiderseits, wir werden uns schon in allem verständigen - nötigenfalls gebe ich nach. Den Artikel Herder-Goethe habe ich Ihnen nur geschickt, um Sie ein klein wenig zu reizen, das scheint mir auch gelungen zu sein. Aber über Faust und Goethe überhaupt möchte ich doch ein vorbereitendes und nicht irgendwie endgültiges Wort sagen. Bei Faust denke ich nur an den 2. Teil, und ich möchte mich mit Ihnen über seinen tiefsten Sinn unterhalten. Über die wundervolle Schönheit der Sprache, die Fülle der - einzelnen - Gedanken und Bilder brauchen wir nicht zu sprechen, wir werden darin einer Meinung sein. Was ich über Goethe sagen will, möchte ich in Folgendem anzudeuten versuchen: Wenn G. tiefstes Leid erfahren hätte, wieviel Mehr noch hätte er der Menschheit gegeben! Und ich will Ihnen noch zwei Namen nennen; dann stellen Sie in Gedanken das Werk dieser drei nebeneinander: Goethe, Beethoven, Rembrandt.

Die kleine Kirche in München kenne ich: entzückend, aber als kirchlicher Raum weiß ich nichts damit anzufangen. Münchener Bier trinke ich übrigens in München auch gern; ich war ein Jahr dort, ich würde gerne einmal mit Ihnen da sein. Lesen Sie bitte Stufen des Lebens von Fritz Schumacher. Er schreibt sehr interessant über München. Das Buch ist überhaupt eine höchst interessante Kunstgeschichte der letzten Jahrzehnte, das Kapitel „Köln“ lesen Sie bitte auch. Ich darf Ihnen das Buch nicht leihen, es würde zu anmaßend aussehen; ich möchte aber anmaßend sein und wünsche sehr, Sie besäßen es. - Heinz bekommt wirklich eine ausgezeichnete Ausbildung, was machen Sie demnächst mit Ilse?

Das wichtigste Moment der Außenpolitik scheint mir zu sein, daß England eine ganz grundlegende Änderung in seiner Haltung gegen Deutschland, die seit 1918 immer dieselbe war, eingenommen hat, wie ich befürchte. Was wir jetzt erleben, ist der erste Akt. Wenn, sobald England fertig aufgerüstet hat, keine gewaltsamen Handlungen kommen, wird eine gewaltsame Abrüstung kommen. Denn in wenigen Jahren ist das, was jetzt hergestellt wird, veraltet, und die Völker sind nicht in der Lage, dann noch einmal aufzurüsten.

Was meinen Garten in Köln angeht, so habe ich eine Bitte, die ich immer für den Augenblick, der vielleicht jetzt kommt, zurückgestellt habe: ich habe mancherlei schöne Sachen, für die nicht jeder Verständnis hat und die mir Freude gemacht haben; nehmen Sie diese bitte in Ihren Garten - sie sind nicht käuflich, das steht fest -, und wenn ich noch einmal einen Garten bekommen sollte, darf ich mir die eine oder die andere Pflanze wiedererbitten. Wenn Sie meinen Vorschlag annehmen, erleichtern Sie mir den Abschied von diesem Garten - er ist sehr schwer -; wenn Sie darauf beharren würden, „kaufen“ zu wollen, würden Sie mir weh tun. - Ich lege ein Verzeichnis der Pflanzen, die m. E. in Frage kommen, bei oder schicke es nach. Ich werde dem dort wohnenden Gärtner Weber Bescheid sagen, holen Sie dann bitte die Sachen im November. Ich werde dem Gärtner aufschreiben, daß einige landläufige Sachen nach Rhöndorf sollen.

Das „Baby“, von dem man auch in Rhöndorf erzählte, ist eine „Ente“, die seit 2 Jahren durch die Gegend fliegt. - Ihr Gang zum Gürzenichkonzert hat manche Bilder vergangener Konzerte in mir hervorgerufen. Ich freue mich für Sie, daß es schön dort war; auch ich sehne mich danach, gute Musik zu hören. Sie hat mir vorigen Winter, wenn auch durch Radio, über manches Schwere hinweg geholfen; diesen Winter werde ich wohl ganz darauf verzichten müssen.

Ich habe hier mit meinem sehr primitiven Gerät - bei dessen Gebrauch man vorsichtig sein muß, ich weiß es - zahlreiche Versuche mit Schmeißfliegen, Bienen, großen Spinnen, Raupen, Ameiseneiern gemacht. Es handelte sich in der Hauptsache darum festzustellen, ob „Chitin“ leitet. Die Insekten haben nicht wie die Wirbeltiere ein inneres Knochengerüst, das ihnen Halt gibt, sondern sie sind äußerlich am ganzen Körper oder an einzelnen Teilen mit einem besonderen, harten Stoff „Chitin“ umgeben, der ihnen den notwendigen Halt gibt - die Menschen gehören demnach in der Regel nicht zu den Wirbeltieren, sondern zu den Insekten. Ich habe festgestellt, das Chitin leitet, Horn und Menschenhaare leiten z. Bsp. nicht, die aus Chitin bestehenden Haare der Insekten, wie ich festgestellt habe, aber wohl. Diese Feststellungen waren für meine Idee sehr wichtig; theoretisch halte ich jetzt die Sache für ziemlich sicher, wie es in der Praxis sein wird, müssen die Versuche im Garten zeigen. Die Sache hat natürlich nur Aussicht, wenn sie besser ist als die jetzigen Methoden. Sie sind, wie ich aus dem Briefe merkte, mit dem Sie das Exposé zurückschickten, m. E. etwas zu skeptisch. - Zu der ganzen Durchführung gehören biologische, elektrische und botanische Kenntnisse. Da ich von dem allem nur sehr wenig verstehe, keine große Bibliothek und keine Fachleute zur Verfügung habe, macht mir das Durchdenken und Probieren sehr viel Arbeit. Tatsächlich scheinen übrigens fast alle die für mich wichtigen Fragen noch nicht bearbeitet zu sein.

Am Montag, dem 23., gehe ich von hier fort. So schlecht das Wetter war und noch ist, ich habe mich im letzten Drittel erholt, das Haus ist sehr gut, fast neu, die Schwestern sorgen rührend, sind dabei von musterhafter Zurückhaltung, so daß man ganz unbelästigt ist. - Wenn ich kann, gehe ich Januar - Februar einige Wochen hier hin, dann soll Schnee und Sonne, aber kein Wintersport, darum sehr still, hier sein. Die guten Schwestern wollten mich für ein „sehr mäßiges Entgeld“ den ganzen Winter über hier halten.

Noch ehe ich den Brief abschließe, kommt die Nachricht, daß die Baustelle verkauft ist. Ich bitte Sie aus sehr triftigen Gründen, das ganz für sich zu halten. Jetzt ist also Schluß mit Max-Bruchstr.!

Der Herr, bei dem Sie morgen zu Gast sind und der 13 Millionen in die Sache gesteckt hat, bereut trotz unlängst erfolgter Aussöhnung, seine Frau ist sehr unglücklich. - Die Herbstzeitlose hatte ich vermisst, sie kam dann in Papier. Ich finde den Namen schön, indem ich ihn mir auf meine Weise erkläre. Ich lege ein Blümchen bei, das an den kommenden Frühling erinnert.

Ich gehe von hier 2 Tage nach Tübingen und fahre von dort am 26.10. nach Unkel am Rhein „Pax Erholungsheim“, Telefonamt Honnef, dort schlage ich nur bis auf Weiteres mein Zelt auf. - Es wird mich sehr freuen, Sie bald zu sehen.

Mit herzlichsten Grüßen
stets Ihr

Konrad A.

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 116-120.