ohne Datum [Oktober 1935]: Brief an Dora Pferdmenges (Auszug)

(Einzelblatt nach dem Schreiben aus Freudenstadt vom 18. Oktober 1935)

[...] es ist unfaßbar schön, und manchmal ergreift einen das Gefühl von der Schönheit und Größe der Natur, das Gefühl der Einheit mit ihr so wie zuweilen im Hochgebirge!

Ich lege Ihnen einen sehr schönen Artikel über Goethe bei. Ich finde, daß sich die dort entwickelten Gedanken nicht nur sehr gut mit dem christlichen Glauben vertragen, ja daß sie christlich sind. Ich verstehe nicht recht, daß überhaupt eine Anschauung, die sich christlich nennt, jemals die Natur verketzern könnte! Auch die Lehre von der Sünde und von der Erlösung braucht uns nicht zu bedrücken. Daß das Böse und die Sünde reale Wirklichkeit sind, wir haben es doch wohl alle an uns selbst erfahren, und wir sehen es täglich. Aber das braucht uns nicht Freude und Harmonie zu nehmen; denn wir sind ja erlöst, und es liegt uns nur noch ob, nach Kräften dem Bösen in uns und außer uns zu widerstehen.

Ich freue mich sehr, Sie bald zu sehen, und bin
mit herzlichsten Grüßen wie immer

Ihr Konrad A.

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 121.