ohne Datum [Oktober 1935]: Brief an Dora Pferdmenges (Auszug)

(Einzelblatt nach dem Schreiben aus Freudenstadt vom 18. Oktober 1935)

[...] Wenn Sie am Mittwoch nach hier kommen, sollen Sie hier einige ausruhende Stunden verbringen. Es wäre sehr schön, wenn Sie morgens kommen könnten, die Morgen sind soviel schöner als die kurzen Nachmittage, und morgens ist man auch ungestörter. Das Erholungsheim liegt am Rhein in der Nähe der Kirche, die Kirchstraße führt von der Hauptstraße des Ortes aus dort hin. Um Unkel selbst führt jetzt eine Umgehungsstraße, dort, wo sie vor dem Orte ansetzt, folgt man der alten Straße, die durch eine Eisenbahnunterführung nach dem Orte geht. Die Kirchstraße führt von dem [...]

[...] Aus dem Fenster meines Arbeitszimmers schaue ich unmittelbar auf den Rhein, dieses ununterbrochene, durch nichts aufzuhaltende, schnelle Strömen des Wassers, immer, immer, hat, namentlich jetzt bei diesem Wasserstande, fast etwas Erregendes und Erschreckendes an sich. - Die Morgen sind herrlich. Ich gehe jeden Morgen, ehe die Sonne da ist - sie geht ja spät auf -, eine Stunde am Rande des Stromes spazieren: diese Stille, diese Weite, diese gewaltige Kraft, diese Atmosphäre, dann kommt das Licht, die Sonne, Farbe und Licht, die Wälder sind getaucht in Farbe, der Strom wird gold und silber, die Glocken tönen, die Reiher - ich sehe fast jeden Morgen drei - schweben über das Wasser.

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 124.