30. Dezember 1935: Brief an Dora Pferdmenges aus Unkel

Liebe Frau Pferdmenges!

Ihr l[ieber] Brief vom 28. war eine „Wohltat“: er kam gestern früh, und der erste Tag nach der Rückkehr ins Exil lässt einen das Schmerzliche und Demütigende der Lage so recht wieder fühlen. Ihr Brief tat da so besonders wohl! - Ich habe Ihnen überhaupt so viel Dank zu sagen. Die Christrose begrüßte mich bei meiner Rückkehr mit strahlend-weißen Blütensternen - ihre Strahlen schließen immer seelische Gefilde auf -, und was haben Sie uns alle „als Christkind“ verwöhnt! - Sie wissen immer so gut zu schenken, daß ich gerührt und beschämt zugleich bin. Der Teller ist so schön, der hinzugegebene Vers, der Zusammenhang mit seinem Gegenstück füllen ihn mit unsichtbarer Speise. Für jeden einzelnen haben Sie so gut ausgesucht, daß wir alle Ihre so in das Einzelne gehende Fürsorge so warm und dankbar empfunden haben! - Die „Grenzen“, um deren Innehaltung ich bat, haben Sie in so zarter Weise bei Seite geschoben, daß ich mir mit dieser Bitte recht dumm vorkomme - wie manchmal.

Daß Sie schöne und - hoffentlich jetzt wenigstens - ruhige Tage verleben, freut mich so sehr. Ich glaube, Ihre Ilse zu beschenken, lohnt sich, sie kann sich so freuen! Heinz wird in dem Wunderland Californien so viel erleben, daß er sicher kein Heimweh bekommt.

Wir haben auch trotz allem ein schönes Weihnachtsfest gefeiert; ich fand zwar leider Lotte recht angegriffen, sie hat eine böse Halsinfektion anscheinend gehabt, und sie ist noch gar nicht wiederhergestellt, und alle die Menschen in dem kleinen Hause ist nicht ganz leicht, aber wir waren alle recht einträchtig zusammen und haben uns des Beisammenseins erfreut. Und dann ist ja doch Weihnachten ein so trostvolles und fröhliches kirchliches Fest: Daß Gott zu den Menschen gekommen ist, um ihnen zu zeigen, wie man das menschliche Leben leben muß, daß Er Mensch geworden ist, damit wir in unsern Sinnen verhaftete Geschöpfe durch die uns faßbare Gestalt des Menschen uns Ihm, dem nicht zu Fassenden, nähern können: das ist doch so beglückend! - „Gnade und Persönlichkeit“ haben Sie so ausgezeichnet formuliert - ich habe schon oft gestaunt, wie Sie einen Gedanken in Worte fassen können -, ich stimme ganz mit Ihnen überein.

Die von Ihnen angeführten Gedichte Rilkes sind ganz wunderbar schön. Ich habe ziemlich viel in dem Buch gelesen, aber ich traute mir nicht genügend Urteil zu, beim ersten Lesen richtig anzustreichen, ich werde es beim zweiten tun. - Am 24. vormittags holte mich ein Bekannter aus Bonn mit seinem Wagen ab, nachdem er in Rhöndorf meine Frau abgeholt hatte

- nein, meine Frau war vorher mit dem Zuge gekommen -; wir haben dann die schon hierhin verfrachteten Weihnachtsgeschenke für die Kinder wieder verfrachtet. Wir haben in den Tagen auch einige schöne Spaziergänge gemacht; das Siebengebirge ist doch wahrhaft schön! - Am Samstag Abend sind wir im gleichen Wagen - meine Frau und die erwachsenen Kinder fuhren mit - wieder hierhin zurückgefahren.

Gestern war ein herrlicher Sonnenuntergang, ganz unbeschreiblich schön: der Strom, die Berge, die Wolken, der Himmel! Wenn man bedenkt, daß sich alle diese nach physikalischen Gesetzen erfolgenden Vorgänge des Lichts durch unser Auge und unsern Geist zu diesen wundervollen Bildern formen: Dann hat man doch einen so faßbaren Beweis von Einem, der hinter alledem steht und der uns einen Blick in Sein Reich tun lässt durch die seelischen Fähigkeiten, die er uns gegeben hat, daß man niemals mehr kleinmütig sein sollte. - Mit dem festen Vorsatz gehe ich auch in das Jahr 1936 hinein. - Ich wünsche mir nicht viel - Sie werden alles wissen, und vielleicht ist es doch sehr viel -, und Ihnen und den Ihrigen wünsche ich so recht von Herzen alles, alles Gute.

Was hat das Jahr 1935 gebracht? Manch' schweren Tag, manche Hoffnung hat sich nicht erfüllt, aber es hat doch auch manches so unendlich Wertvolle gebracht und gefestigt und weiter entwickelt, daß ich voll Dank auf es zurückschaue.

Sie haben schon recht gehabt: ich werde zunächst noch nicht verreisen, die Herren, die ich in Berlin, wohin ich am 3. oder 4.1. wollte, sprechen wollte, sind verreist, hier beginnen am 7.1. die Vergleichsverhandlungen zwischen meinem Anwalt und der Stadt; es wird gut sein, wenn ich mit meinem Anwalt das Ergebnis des ersten Verhandlungstages noch bespreche. - Ich werde daher am 5.1. im Auto des Bekannten aus Bonn, der aber nicht weiß, warum, mit meiner Frau und Max eine Autotour an die Mosel machen und Nachmittags in M[aria] Laach sein, die aber auch nicht wissen, warum ich gerade an dem Tage dorthin gehe. Wenn Sie nun in den Tagen danach mich besuchen würden, so würde mir das die größte Freude sein.

Sylvester sind meine Frau und meine Kinder hier, Paul übernachtet hier und leistet mir Neujahrsmorgen beim Frühstück Gesellschaft. Sie sehen: ich bin versorgt.

Und nun wollen wir, Dank in der Seele für 1935, voll Mut und Tapferkeit in das Jahr 1936 hineingehen!

Herzlichst stets Ihr

Kon. A.

[P.S.] Wie geht es Ihnen? - Im Siebengebirge wuchsen schon die Frühjahrsblumen!

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 125-127.