31. Mai 1938: Brief an Dora Pferdmenges

Liebe Frau Pferdmenges!

Wenn man einen geliebten Angehörigen verloren hat, dann tritt die Frage nach dem „Warum“ so oft vor einen. Und man stellt dann die Frage nach dem „Warum“ für sich und für alle Menschen. Die Frage kann einen sehr quälen. Aber man soll sich mit ihr beschäftigen. Nur wenn man den Tod recht versteht und erfaßt, erhält das Leben Wert. Das wird immer mehr meine Überzeugung. Nur wenn man das rechte Verhältnis zum Tode gefunden hat, als eine Erfüllung und einen [Fortschritt] unseres Seins, wird man des Lebens Herr; sonst wird man von ihm erdrückt. Ich weiß, daß der Tod Ihres Vaters Ihnen sehr nahe geht. Ich lege Ihnen ein Büchlein bei, das sich mit dem Tode beschäftigt. Ich stimme nicht mit jedem Satze überein, aber es enthielt viel Wahres und Tröstendes. Darum bitte ich Sie, es als kleine Pfingstgabe - Pfingsten ist ja das Fest des siegreichen Geistes - entgegenzunehmen.

Ich bin auf morgen plötzlich zu der Besprechung mit Rathgebeten. Ich werde mich leider nicht bei Ihnen melden können, da ich nur sehr wenig Zeit habe. Ich komme aber wahrscheinlich vor Pfingsten nochmals nach Köln und werde dann versuchen, Sie zu sprechen.

Seien Sie herzlichst gegrüßt.
Stets Ihr

K. A.

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 141.