11. Januar 1941: Brief an Dora Pferdmenges aus Rhöndorf

Liebe Frau Pferdmenges!

Ihnen und Ihrem Mann danke ich herzlich für Ihre guten Wünsche. Ich habe den Tag im engsten Familienkreise verbracht, möglichst ohne Reflexionen nach rückwärts und nach vorwärts. Ich finde, daß, je älter man wird, desto rätselhafter Welt und Menschen werden. Ich will ja nicht soweit gehen, wie Leonardo da Vinci nach dem auf der letzten Seite des Buches von Foerster zitierten Ausspruch gegangen ist, ich bin eben nicht mehr aktiver Mitspieler, sondern betrachtender Beobachter, aber es ist schon alles sehr merkwürdig.

Für das Buch danke ich Ihnen recht herzlich; ich finde die Vorträge sehr gut. Es freut mich, daß Foerster so gewachsen ist.

Das Buch „Das wahre Gesicht der Heiligen“ kenne ich. Es ist ein großer Trost, wenn man beim Abschiede von einem lieben Verstorbenen das Wunder der Verklärung sieht. Ich habe es zweimal erlebt, man vergisst es nie. - Das Buch über Frau von Staël war nicht für Sie bestimmt; wir haben es geschickt, weil ein anderes Buch, das ich für Sie ausgesucht hatte, vor Weihnachten nicht erschienen ist. Nun ist es gekommen, „Die Welt vor hundert Jahren“ von Redslob. Redslob, den ich persönlich kenne, ist ein sehr ehrlicher Schriftsteller. Ich glaube, sein Buch wird Ihnen gefallen. Es geht gleichzeitig an Sie ab. Schicken Sie bitte Madame de Staël - merkwürdige Frau, merkwürdige Zeiten - hierhin zurück. Das arme Köln hat Pech mit seinen Oberbürgermeistern.

- Nun, eine Stadt steht ja lange. - Man sehnt sich nach dem Frühjahr und nach Tätigkeit im Garten, wahrscheinlich törichter Weise; denn das Frühjahr wird ja wohl soviel Unruhe bringen, daß man sehnsüchtig der Ruhe des Winters gedenken wird. Aber hinter dieser Unruhe steht der Frieden, darauf wollen wir vertrauen.

Hoffentlich haben Sie wegen Ihres Sohnes keine Sorgen mehr; wie es mit Max werden wird, ist ständig ungewiß.

Seien Sie und Ihr Mann recht herzlich gegrüßt von meiner Frau und Ihrem

K. Adenauer

Quelle: Freundschaft in schwerer Zeit. Die Briefe Konrad Adenauers an Dora Pferdmenges 1933-1949. Bearb. von Hans Peter Mensing und Ursula Raths. Bonn 2007, S. 143f.