24. Oktober 1941: Brief an Paul Adenauer (Auszug)

[...] Ich glaube Dir, daß Du in eine so ganz andere Welt gekommen bist. Wenn man in aller Ruhe und Gelassenheit das wechselnde Leben sieht und betrachtet, kann man aus allem sehr viel Nutzen für sich und für seine charakter­liche Bildung ziehen. Du wirst sicher auch Deine Menschenkenntnis sehr erwei­tern. Andere lernen das schon viel früher, wenn sie aus der Volksschule hinaus in das Leben und in die Arbeit müssen. Du hast den Vorteil, daß Du alles, was an Dich herantritt, schon kritischer und gereifter erfassen und das Gute vom Nichtguten trennen kannst. Nimm Dich nur vor einem in acht, lieber Junge! Werde niemandem gegenüber aufdringlich mit Deinen Ansichten, es ist weder die Zeit noch die Gelegenheit dazu. Auch wenn Dich andere Kamera­den nach innern Dingen, so nach religiösen fragen, sei zurückhaltend, ja mißtrauisch, so lange Du den Betreffenden nicht wirklich lange und genau kennst. Ich empfehle Dir überhaupt allergrößte Vorsicht an. Es ist besser bei Dir, zu mißtrauisch als zu vertrauensvoll zu sein. Ich bitte Dich sehr, mir das zu glauben [...] Ich werde am Sonntag Deiner in besonderer Weise gedenken und für Dich gehen. - Bist Du nach Deinem Vater gefragt worden? Der Brief ist etwas kunterbunt und enthält viele Kleinigkeiten. Aber ich denke, auch sie interessieren Dich, und das Wissen um sie verbindet Dich mit uns. [...]

Quelle: Paul Adenauer: Briefe Konrad Adenauers an einen Sohn im Reichsarbeitsdienst 1941/42. In: Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. [Bd. I:] Beiträge von Weg- und Zeitgenossen. Hg. von Dieter Blumenwitz u.a. Stuttgart 1976, S. 158.