30. Oktober 1941: Brief an Paul Adenauer (Auszug)

Lieber Paul! Hier hat der Winter angeklopft. Die Laacher Berge grüßen seit gestern morgen im tiefen Schnee, und auch hier war gestern ein richtiger Schneesturm - wenn man das sieht, kann man sich vorstellen, was ein solches Wetter für Flugzeuge bedeutet; der Drachenfels hat heute früh eine weiße Haube. Es ist schade, daß anscheinend der Winter so früh kommt, es ist doch noch manches auf den Feldern, und es ist noch viel in den Feldern zu tun. Auch im Garten kommt mir der Winter viel zu früh. Die neuen Obstbäume - kleine Spindel, insgesamt 37 - sind noch nicht geliefert, und es ist auch sonst noch wirklich viel zu schaffen. Die völlige Umarbeitung des Steingartens hat natürlich eine völlige Neubepflanzung, natürlich aus den vorhandenen Beständen, verlangt.

Ich denke oft mit Freude und mit Sehnsucht daran zurück, wie schön es doch war, als wir zusammen arbeiten konnten. Ich bin froh, aus Deinen Briefen ersehen zu können, daß es Dir relativ gut dort geht. Natürlich ist das Leben in der Kaserne nach militärischem Zuschnitt namentlich zuerst schwer, aber wie ich Dir schon schrieb, es wirkt auch nach mancher Richtung hin erziehe­risch und insbesondere aufklärend über Art und Sein unserer Volksgenossen. Dadurch lernt man rückschließend ihre Umgebung, Erziehung usw. kennen und werten. Es weitet eine solche Erkenntnis außerordentlich den Blick und das Verständnis. Vielleicht wird Dir im Laufe der Zeit auch noch viel klarer werden, warum ich gerade der Lösung der Wohnungsfrage so, wie ich sie Dir und Deinen Freunden einmal geschildert habe, solchen Wert beilege. - Sind die Äpfel gut angekommen? Teilt Ihr den Stubenkameraden von dem, was geschickt wird, mit? [...] Ich war dieser Tage beim Zahnarzt. Dort war gerade ein Frontbrief von einem früheren Lehrer von Wolfgang aus St. Blasien eingelaufen. Er liegt seit längerer Zeit vor Moskau. Die tapferen Leute haben doch Außerordentliches auszuhalten an Kampf und Mühsal. Namentlich die große Kälte setze ihnen sehr stark zu. Du wirst ja aus den Heeresberichten lesen, wie lange das jetzt schon dauert. Es sind doch tapfere Männer, unsere Truppen! [...]

Quelle: Paul Adenauer: Briefe Konrad Adenauers an einen Sohn im Reichsarbeitsdienst 1941/42. In: Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. [Bd. I:] Beiträge von Weg- und Zeitgenossen. Hg. von Dieter Blumenwitz u.a. Stuttgart 1976, S. 159.