20. Januar 1942: Brief an Paul Adenauer (Auszug)

Mein lieber Junge! Habe vielen Dank für Deinen ausführlichen Brief. Wir warten jetzt immer mit doppelter Spannung auf Nachricht von Dir. Dein Anruf kam neulich so überraschend; wiederhole ihn nur, wenn Du kannst. Pastor Suurmann habe ich inzwischen geschrieben. Diese Nächte dort wirst Du wohl nie vergessen: die Ruhe der Sterne und des Meeres und die Unruhe der Menschen [...] Augenblicklich sind von Petersburg bis zur Krim sehr harte Kämpfe im Gange. Die Stimmung hier ist sehr gut, ebenso an der Front. - Man ist sich natürlich im Klaren darüber, daß die Russen sehr tapfere und vorzüglich ausgerüstete Gegner sind, deren Industrie auch ganz ausgezeichnet sein muß.

Ich lege Dir ein Gedicht von Geibel bei, das mir immer so sehr gut gefallen hat. Sage es Dir öfter vor im Stillen. Ich bin sehr froh, daß Du ein so starkes Gottvertrauen hast und darum auch so mutig bist. Es ist mir das ein wirklicher Trost. Max ist ja noch in Brüssel, aber er rechnet auch damit, dort fortzukom­men, da ja so sehr viele eingezogen werden. Ich glaube, wenn er Offizier wäre, wäre er schon fort nach dem Osten. Es ist ein sehr großer Bedarf dort, weil sehr viele ausgefallen sind [...]

Wie ist es nun mit Eurer Verpflegung? Können wir Dir evtl. etwas Brot schicken? Fritz Zinsser hat durch „feindliche Einwirkung", so hat er nach Hause geschrieben, sein ganzes Gepäck einschließlich der ungeöffneten Weih­nachtspäckchen verloren [...] Sorge für Deine Nase! Soll ich Dir eine Abschrift des damals in der Universitätsklinik ausgestellten Attestes schicken? Ich lege es bei für den Fall, daß Du die Strapazen einmal nicht mehr aushalten kannst. Hast Du eigentlich genügend Schlaf? [...] Ich finde das Gedicht nicht mehr [...]

Quelle: Paul Adenauer: Briefe Konrad Adenauers an einen Sohn im Reichsarbeitsdienst 1941/42. In: Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. [Bd. I:] Beiträge von Weg- und Zeitgenossen. Hg. von Dieter Blumenwitz u.a. Stuttgart 1976, S. 165f.