10. April 1945: Brief an Hertha Kraus, Bryn Mawr/Pennsylvanien

Hertha Kraus (1897-1968), Prof. Dr. rer. pol., leitete 1923-1933 das Wohlfahrtsamt der Stadt Köln, 1933 in die USA emigriert, dort Professor of Social Economy an der Frauen-Universität Bryn Mawr, nach 1945 führend an der Durchführung von Hilfsmaßnahmen für Deutschland beteiligt.

Liebes Fräulein Kraus!

Meine Frau und ich benutzen die erste Gelegenheit, die sich uns seit Jahren bietet, um Ihnen einen recht herz­lichen Gruß zu senden. - Wir hoffen, dass es Ihnen nach wie vor gut geht. -

Wir haben schwere Zeiten hinter uns. Meine Frau war im September 44 einige Zeit im Gefängnis, ich war bis Ende November 1944 drei Monate im Conztr. Lager und dann im Gestapogefängnis in Brauweiler. Wenn der Vormarsch der amerikanischen Armee nicht so überraschend hier in unserer Nähe erfolgt wäre, würde ich wohl von der Gestapo verschleppt und umgebracht worden sein. Unsere drei Söhne sind leider noch im Felde, und wir sind ihret­wegen in großer Sorge.

Ich habe eine sehr große Bitte an Sie: Kommen Sie doch wenigstens für einige Zeit, sobald als eben möglich, her­über! - Ich könnte mir denken, dass das ein großes Opfer für Sie bedeuten würde. Aber ich kenne ja Ihre Hilfs­bereitschaft und Ihre Arbeitsfreudigkeit; Sie kennen unser Land, und Sie kennen USA. Ich glaube, Sie könnten so­wohl der Stadt Köln wie Deutschland und unsern gemein­samen Idealen sehr wertvolle Dienste leisten. Also kom­men Sie bitte recht bald! Vielleicht ist es Ihnen möglich, auf demselben Wege, auf dem dieser Brief hoffentlich in Ihre Hände gelangt, mir eine Antwort zukommen zu las­sen. Meine Frau und ich grüßen Sie recht herzlich.

Wie immer Ihr

K. Adenauer

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 13f.