21. August 1945: Schreiben von Oberbürgermeister Adenauer an Oberbürgermeister Scharnagl, München

Karl Scharnagl (1881-1963), Dr. med. h.c., 1925-1933 Ober­bürgermeister von München, 1933 zurückgetreten, wie Adenauer im Mai 1945 wieder im alten Amt (bis 1948), Mitbegründer der CSU.

Sehr verehrter Herr Scharnagl,

es wird Sie und die übrigen Herren dort, worunter ich vor allem Herrn Schäffer und Hipp rechne, interessieren, über die partei­politischen Entwicklungen im Westen zu hören. Nach langen und eingehenden Verhandlungen und Aussprachen ist man an mehreren Orten, so am 19.8.45 in Köln, zur Gründung einer neuen Partei, der Christlichen-Demokratischen Partei, geschritten. Für Rheinland und Westfalen wird die Gründung am 2.9.45 in Köln bzw. Wattenscheid stattfinden. Mit ganz überwiegender Mehrheit ist allenthalben beschlossen worden, den Namen Zentrum und seine Organisation zu Gunsten der neuen Partei aufzugeben. Die grundlegenden Prinzipien der neuen Partei sind folgende:

1. Führung des Staates auf christlicher Grundlage, d. h. nach den Prinzipien, wie sie sich auf der Grundlage des Christentums in einer Jahrhunderte langen Entwicklung in Europa herausgebildet haben.

2. Demokratie.

3. Betont fortschrittliche soziale Reform und soziale Arbeit, nicht Sozialismus.

Von protestantischer Seite ist der Plan der Gründung dieser Partei von Anfang an begrüßt und gefördert worden. Das gilt gleichermaßen von demjenigen Teile der Protestanten, der kirchlich frei gerichtet ist, wie von den Angehörigen und Führern der Bekenntniskirche. Die Kölnischen Protestanten unter Führung des Herrn Superinten­denten Encke werden heute Fühlung mit führenden evangelischen Kreisen Süddeutschlands, insbesondere mit Herrn Bischof Dr. Wurm, aufnehmen, um dort auch diese Kreise für die neue Partei zu gewin­nen.

Sie zweifeln nicht, dass sie hiermit Erfolg haben werden. Ich traf vor einiger Zeit den Vorsitzenden des Caritas-Verbandes, Prälat Kreutz, Freiburg, der ebenfalls diese Entwicklung sehr be­grüßte und meinte, dass sie in Baden, mit dem übrigens schwer Füh­lung zu nehmen ist, ebenfalls durchaus begrüßt werden würde. Nun komme ich heute zu Ihnen und den anderen Herren in Bayern mit der Bitte, sich dieser Entwicklung anschließen zu wollen. Ich halte sie im Interesse Deutschlands für absolut notwendig. Sie werden dort, wie wir hier, die Erfahrung gemacht haben, dass die Kommunistische Partei, begünstigt durch die allgemeine sehr schlechte Lage, mit ihrer skrupellosen Agitation großen Erfolg hat. Die Sozialdemokratische Partei hat zwar noch an einzelnen Stellen führende Leute von früher, die gern die Sozialdemokratie auf ihrer alten Bahn, d. h. getrennt von den Kommunisten, halten möchten. Es scheint aber nicht, als ob das auf die Dauer möglich sein würde. So haben z. B. sowohl in Köln wie in Düsseldorf Sozialdemokraten und Kommunisten eine politi­sche Arbeitsgemeinschaft geschlossen. Dieser parteipolitischen Ent­wicklung gegenüber würde eine solche Christlich-demokratische Par­tei eine sehr große Bedeutung und einen sehr großen Einfluss haben.

Ich und sehr viele mit mir würden es sehr bedauern, wenn gegenüber einer so starken Verbindung, wie die Sozialdemokraten und Kommu­nisten darstellen, die Vertreter der christlichen Grundsätze sich in deren Parteien zersplittern und somit ihre Bedeutung und ihren Einfluss selbst mindern würden.

Allein eine Zusammenfassung in einer solchen Partei würde gegen­über achristlichen Parteien die Vertreterin des christlichen Prinzips sein, und ich glaube, dass unser Volk nur dann wieder gesunden kann, wenn in ihm das christliche Prinzip wieder herrschen wird. Ich glaube weiter, dass lediglich dadurch ein starker Widerstand gegen die Staats­form und Ideenwelt des Ostens - Russland - und ein gedanken­mäßiger und kultureller und damit auch ein außenpolitischer Anschluss an West-Europa gesichert werden kann. Was das Programm der Christlichen-Demokratischen Partei angeht, so war man sich darüber einig, dass es unmöglich sei in einer derartig fluktuierenden Zeit wie der gegenwärtigen, ein ins Einzelne gehen­des Parteiprogramm aufzustellen. Man läuft sonst Gefahr, dass schon in wenigen Monaten jetzt genau festgelegte Sätze und Forderungen über Bord geworfen werden müssten. Man will deshalb sich bei der Formulierung des Programms darauf beschränken, in der Haupt­sache die tragenden Grundgedanken, wie ich sie oben spezifiziert habe, festzulegen. Man glaubt weiter, dass eine außerordentliche große Anziehungskraft die Namen der Unterzeichner eines demnächst zu erlassenden Aufrufs haben würden. Man will deshalb möglichst gute und bekannte Persönlichkeiten aus dem ganzen, nicht von Russland besetzten Teile Deutschlands zu gewinnen suchen. Wir glauben, dass zu dieser Partei große Kreise kommen werden, die nicht dem Zentrum angehört haben, im Laufe der Entwicklung auch rechtsgerichtete Teile der heutigen Sozialdemokratie. Gegenüber Strömungen, die die frühere Bayerische Volkspartei beibehalten wol­len, kann man m. E. mit Recht sagen, dass jede Zersplitterung der An­hänger des christlichen Gedankens seine empfindliche Schwächung bedeuten würde.

Falls aus den Verhältnissen Bayerns heraus eine dort entstehende bayerische Landesgruppe für sich einige mit dem übrigen Inhalt des noch genauer festzustellenden Parteiprogramms nicht in Widerspruch stehende besonderen Punkte wünscht, so würde dem m. E. nichts entgegenstehen. Man muss natürlich immer darauf bedacht sein, dass die Einheit der Partei und die Geschlossenheit ihrer Führung nicht darunter leiden darf.

Ich bitte Sie und die anderen Herren, immer wieder bei Ihren Über­legungen sich zu vergegenwärtigen, dass allein diese geplante Zusammenfassung aller auf christlicher und demokratischer Grundlage stehenden Kräfte uns vor aus dem Osten drohenden Gefahren schützen kann.

Es wird Sie interessieren zu hören, dass diejenigen Bischöfe, die un­längst in Werl in Westfalen versammelt waren, sich auch dafür aus­gesprochen haben, Namen [und] Organisation des Zentrums zu Gunsten einer neu zu gründenden Partei fallen zu lassen5. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie von diesen meinen Ausführungen in Ihnen geeignet erscheinender Weise vertraulichen Gebrauch machen. Ich würde mich ganz außerordentlich freuen, wenn wir von dort her möglichst bald ein zustimmendes Echo hören und dann Herren von Ihnen und uns in persönlichen Kontakt treten könnten. Prälat Dr. Müller - [Köln-]Hohenlind vom Caritas-Verband wird Anfang September, nach 5.9., bei Ihnen vorsprechen. Vielleicht ist es Ihnen möglich, ihm eine Antwort mitzugeben.

Seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem ergebenen
gez. Dr. Adenauer
Oberbürgermeister

Quelle: CDU Rheinland, Köln, Archiv. Durchschlag. Abgedruckt in: Morsey, Rudolf: Vom Kommunalpolitiker zum Kanzler. In: Konrad Adenauer. Ziele und Wege. Mainz 1972, S. 76-79.