August 1945 (ohne Tagesdatum): Brief an Adolf Busch, New York

Adolf Busch (1891-1952), Violinist, Professor in Berlin (ab 1918) und Basel (ab 1927), 1939 in die USA emigriert. - Mit dem Schreiben vom August 1945 bemühte sich Adenauer auch um Kontaktaufnahme mit seinen Brüdern: Fritz Busch (1890-1951), Dirigent, 1918-1922 Leiter der Stuttgarter Oper, 1922-1933 der Dresdener Oper, dann in Groß­britannien, Nord- und Südamerika tätig; Hermann Busch (1897-1975), Violoncellist, 1923-1927 bei den Wiener Symphonikern, lehrte 1927-1929 an der Folkwangschule in Essen, 1935 in die USA emigriert.

Sehr geehrter Herr Busch,

in Ihrer Heimat sieht es traurig aus. Das gilt im besonde­ren von Köln. Die Stadt ist stark zerstört. Alle alten Kir­chen sind beschädigt, die meisten schwer. Auch der Dom hat stark gelitten. Dreiviertel aller Wohnungen sind eben­falls zerstört. Als die Amerikaner einzogen, waren nur noch achtzigtausend Einwohner in Köln. Aber die Heimatliebe der Kölner ist so stark, dass wöchentlich etwa fünfzehntausend zurückkehren. Wir alle wollen uns die größte Mühe geben, Köln wieder zum Horte der rheini­schen Kultur und des rheinischen Geistes zu machen.

Ich bitte nun Sie und Ihre Brüder, uns dabei zu helfen. Ich habe nur Ihre Adresse, darum wende ich mich an Sie. Unser Städtisches Orchester ist im wesentlichen intakt. Wir suchen einen Dirigenten. Würde Ihr Bruder Fritz dafür in Frage kommen? Auch die Musikhochschule wird wieder erstehen. Würden Ihr Bruder Hermann oder Sie dafür in Frage kommen? Bitte, geben Sie mir Nachricht auf dem gleichen Wege, wie dieser Brief an Sie gelangen wird.

Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr sehr ergebener

Dr. Adenauer
Oberbürgermeister

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 27f.