1. September 1945: Schreiben an Major Alan Prior, Militär-Regierung (Detachment 622), Köln

Ihre Mitteilung, daß ein absolutes Brennstoffverbot für Zivilhaushaltungen für Oktober und November schon ausgesprochen und für den ganzen kommenden Winter in Aussicht genommen sei, hat mir Veranlassung geboten, die Rückwirkungen dieser Maßnahme auf die Einzelhaushalte der Kölner Bevölkerung durch die in Betracht kommenden Dienststellen meiner Verwaltung nachprüfen zu lassen. Ich füge anliegend die Berichte der verschiedenen Ämter bei und bemerke ergänzend folgendes:

Anlage 1 läßt erkennen, daß tatsächlich bei Durchführung der Gemeinschaftsverpflegung ein Minderaufwand von etwa 15 Tonnen Brennstoff für je 100.000 Verpflegte und je Tag eintritt.

Dagegen ist aus der Anlage 2 zu entnehmen, daß im besten Falle 90.000 Portionen hergestellt werden können. Das aber nur bei durchweg zweimaligem Kochgang und unter Heranziehung von Küchen, die verhältnismäßig weit von Köln entfernt liegen. Bei all diesen Orten (Bergisch Gladbach, Leverkusen, Brühl, Dormagen, Kalscheuren) beträgt die Entfernung bis zu den Abnehmern der Speisen erheblich über 10 km, dabei fehlt es aber an Räumen zur [Ein]nahme des Essens und sogar an nur notdürftig gegen Wind und Wetter gesicherten Stellen zur Ausgabe. Das wird sich naturgemäß im Winter besonders bedenklich bemerkbar machen. Ein erheblicher Teil der Abnehmer wird also die einzige Mahlzeit, die ihm warm zugeführt werden sollte, in kaltem Zustande erhalten. Dies wird umso mehr der Fall sein, als es auch an geeigneten Gefäßen (Termophoren) für den Transport des Essens fehlt.

Anlage 3 zeigt, daß die wesentlichen Voraussetzungen für die Herstellung eines für die Erhaltung der Gesundheit und Arbeitskraft geeigneten warmen Essens auch insofern fehlen, als weder die Arten der Lebensmittel, nämlich vor allem Kartoffeln, Gemüse und Hülsenfrüchte zur Verfügung sind noch auch die verbleibenden kalt zu genießenden Speisen für diesen letzten Zweck ausreichen.

Aus der Anlage 4 ist zu entnehmen, daß die Ersparnis an Kohle zu einem wesentlichen Prozentsatz (mindestens 1/3) durch Mehraufwand von Treibstoff, der aus Brennstoff herzustellen wäre, wieder verloren geht. Auch sind die erforderlichen Lastwagen zum Transport noch nicht einmal zur Hälfte vorhanden.

Die Anlage 5 schildert im einzelnen die nachteiligen Folgen auf die Gesundheit und Arbeitskraft. Die ins einzelne gehenden Betrachtungen lassen die überaus bedenklichen Auswirkungen, insbesondere mit Rücksicht auf die Entstehung von Seuchen, klar erkennen. Ich möchte nun noch einige Gesichtspunkte hervorheben, die nur zum Teil in den Anlagen zum Ausdruck kommen, aber doch nach meiner Meinung von erheblicher Bedeutung sind.

Die Bevölkerung wird versuchen, ihre Not durch Beschaffung von Brennholz soweit als möglich einzuschränken. Sie wird also zunächst dazu übergehen, das gesamte Holz, das in zerstörten Häusern noch herumliegt, in dem eigenen Herd zu verbrennen, um wenigstens hie und da etwas warmes Wasser zur Körperpflege, zur Reinigung der Wäsche, oder auch in Krankheitsfällen zur Linderung und Heilung zu gewinnen. Sehr oft ist es nur unter Lebensgefahr zu gewinnen. Dabei werden noch vorhandene schwere Hölzer dringend zum Wiederaufbau der beschädigten Häuser benötigt. Die Bevölkerung wird versuchen, sich auch durch Fällen von Bäumen in der Stadt und in den städtischen Wäldern wenigstens eine zeitlang zu helfen. Es werden dabei Unfälle sich ereignen, und der Transport der schweren Holzstücke wird größte Schwierigkeiten machen, ganz abgesehen davon, daß der Heizwert dieses frischen feuchten Holzes recht gering ist.

Weiter weise ich darauf hin, daß die Einzelberichte im allgemeinen von einer Versorgung von je 100.000 Personen ausgehen, wobei allerdings Anlage 2 die Verpflegung von zunächst nur 90.000 Personen als möglich bezeichnet. Es müßte aber, wenn das absolute Brennstoffverbot bestehen bleibt, mit der dreifachen Ziffer, nämlich 300.000 Personen gerechnet werden. Damit würde auf der einen Seite die Ersparnis der Anlage 1, die den einzigen Aktivposten der Bilanz darstellt, sich auf 45 Tonnen erhöhen, auf der anderen Seite würde aber die Passivseite entsprechend anschwellen.

Wenn bei Anlage 3 eine Relation zwischen Treibstoffverbrauch und ersparter Brennstoffmenge hergestellt würde, so ging ich davon aus, daß nach Ihrer Mitteilung das Hydrierwerk in Wesseling wieder anlaufen soll und für Köln wohl synthetischer Treibstoff in Frage käme. Diese Relation ergibt, daß tatsächlich mehr als 1/3 der Ersparnis durch Mehrverbrauch in Treibstoff aus Kohle wieder wettgemacht wird. Der Ersparnis an Brennstoff steht aber noch weiter entgegen ein Mehrverbrauch an Gummi, das auch im wesentlichen aus Brennstoff gewonnen wird, und an Arbeitskräften, die sonst für andere Aufgaben eingesetzt werden können.

Darüber hinaus steht aber auf der Passivseite eine erhebliche Vermehrung der Krankheitsfälle (Anlage V) und damit eine noch größere Beanspruchung der Krankenhäuser, die krankenhauspflegebedürftigen Menschen aufzunehmen. Sie weisen zur Zeit an jedem Tage eine größere Anzahl von Kranken, die um Aufnahme bitten, notgedrungen ab.

Verbleiben die Erkrankten aber in der eigenen Familie, so werden sie bei dem ständigen Aufenthalt in ungeheizten Räumen viel länger und viel schwerer an der Krankheit tragen, als dies bei Krankenhauspflege der Fall wäre. Sie werden aber auch ihre Angehörigen mit ihren Krankheiten anstecken, und es werden in Verbindung mit der mangelnden Körperpflege und der Unmöglichkeit, die Wäsche zu reinigen, Seuchen entstehen. Damit gerät die ganze Bevölkerung und mit ihr die Wirtschaft in die denkbar schwierigste Lage.

Die unzweckmäßige Ernährung, insbesondere der kleinsten Kinder, der Alten und Kranken und aller derer, die Diät benötigen, wird eine erheblich erhöhte Sterbeziffer im Gefolge haben.

Darüber hinaus wird aber eine Gefährdung des ganzen und mit großer Sorgfalt eingeleiteten materiellen und psychologischen Aufbauwerks der Besatzungsbehörden und der mit ihnen zusammenarbeitenden deutschen Dienststellen eintreten. Die immer noch zahlreich vorhandenen, allerdings z. Zt. nur unter der Decke arbeitenden nationalsozialistischen Kräfte werden einen ungewöhnlichen Auftrieb erfahren, so daß alle Versuche der alliierten wie der deutschen Behörden, diese furchtbare Erscheinung wirksam zu bekämpfen, zu einem großen Teil vergeblich bleiben werden. Diese dunklen Kräfte werden es verstehen, noch jetzt aus dieser Lage eine Gloriole für Hitler zu bereiten. Sie werden erklären, daß jetzt für das deutsche Volk all das eingetreten sei, was er in den Jahren des Krieges für den Fall der Niederlage prophezeit habe. Leider sind ganz große Teile des deutschen Volkes politisch so urteilslos, daß sie die wahren Gründe all des Elendes, das der kommende Winter über sie bringen wird, auch jetzt noch nicht klar erkennen, sondern einfach die Lage des vorigen Winters mit der jetzigen vergleichen. Dazu werden die erwähnten dunklen Elemente es verstehen, die urteilslose Masse darauf hinzuweisen, daß der Londoner und andere Sender vor der Kapitulation ganz andere Auswirkungen in Aussicht gestellt haben als diejenigen, die bei einem absoluten Brennstoffverbot über die Bevölkerung kommen werden.

Ich halte mich für verpflichtet, mit allem Ernst darauf hinzuweisen, daß eine schwere Beunruhigung der Bevölkerung eintreten, daß sehr wahrscheinlich sogar mit Unruhen zu rechnen sein wird, daß deshalb eine

möglichst baldige Verstärkung der Polizei durchgeführt und die Polizei mit Waffen versehen werden sollte.

Im ganzen halte ich die in diesem Bericht behandelte Angelegenheit für eine der wichtigsten, vielleicht die wichtigste, womit im kommenden Winter die Besatzungsbehörden und die deutschen Dienststellen sich überhaupt auseinanderzusetzen haben. Ich habe infolgedessen auch meiner ganzen schweren Sorge, getragen von dem Gefühl der großen Verantwortung, die auf mir lastet, ganz offen Ausdruck gegeben. Ich bitte, allein in diesem Sinne meine Ausführungen zu werten und alles daranzusetzen, um die Durchführung einer solchen, nach meiner Überzeugung verhängnisvollen Maßnahme für den kommenden Winter noch im letzten Augenblick zu unterbinden.

Quelle: NL Shuster. Abgedruckt in: Adenauer. Briefe 1945-1947 (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Berlin 1983, S. 90-93.