2. Oktober 1945: Schreiben an Jakob Hegner, London

Sehr geehrter Herr Hegner,

Ihrem Verlage verdanke ich vor 1933 und insbesondere in den schweren Jahren nach 1933 so viel, daß es mich drängt, nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus Erkundigungen einzuziehen, wie es Ihnen ergangen sei.

Ich hörte, daß Sie in London seien, und der erste Zweck meines Wunsches, zu wissen, wo Sie jetzt seien, war, Ihnen zu danken.

Ich wollte Sie dann weiter bitten zu überlegen, ob Sie nicht Ihren Verlag von Neuem ins Leben rufen wollen. Die geistige Not des deutschen Volkes ist so groß, daß Werke, wie Sie in Ihrem Verlag erscheinen ließen, ihm dringend Not tun. Es wird Ihnen bekannt sein, daß Leipzig als Bücher- und Verlagstadt für den nicht von den Russen besetzten Teil Deutschland's verloren ist. Wir bemühen uns nach Kräften, Köln zu einem Zentrum des Buches zu machen und überhaupt die geistigen und kulturellen Kräfte möglichst zu entwickeln. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie Ihren Verlag in Köln wieder eröffnen würden, und würde Ihnen gern nach besten Kräften dabei helfen.

Wenn Sie sich im Prinzip dazu bereit erklären, würde ich den Inhaber der Bücherstube am Dom, Dr. Melchers, bitten, sich mit Ihnen wegen der weiter zu tuenden Schritte in Verbindung zu setzen.

In ausgezeichneter Hochachtung,
Ihr sehr ergebener
(Dr. Adenauer)
Oberbürgermeister

Quelle: HAStK 2/1458. Abgedruckt in: Adenauer. Briefe 1945-1947 (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Berlin 1983, S. 110f.