4. Oktober 1945: Schreiben an Sir Sidney Clive, Perrystone Court, Ross/Herefordshire

Sehr verehrter Sir Sidney,

Von Herrn Dr. Rörig höre ich, daß Sie sich um die Freilassung meines ältesten Sohne aus der Kriegsgefangenschaft bemühen wollen. Ich danke Ihnen herzlich dafür. Inzwischen habe ich die genaue Adresse des Platzes erhalten, auf dem er bis zum 18. September 1945 tätig war. Diese Adresse ist: Documentation Team Oslo Zone South in Heistadmoen bei Kongsberg in Norwegen.

Von einem inzwischen entlassenen Kriegsgefangenen aus demselben Lager habe ich Folgendes gehört: Mein Sohn sei am 18. August d.J. zusammen mit einem anderen Kriegsgefangenen aus diesem Lager abgeholt und nach Oslo gebracht worden. Er sei dann von dort nicht mehr zurückgekehrt. Die beiden seien dort hingebracht worden, weil sie der Frontaufklärung in Norwegen angehört hätten. Mein Sohn habe ihm gesagt, daß er fünf Tage auf ein Büro dieser Frontaufklärung kommandiert gewesen sei. Er habe aber dort nichts getan oder tun müssen, was auch unter Anlegung des strengsten Maßstabes irgendwie nachteilig für ihn sein könne. Ich füge Folgendes hinzu. Mein Sohn war im Jahre 1936 bei der AEG in Oslo angestellt. Er konnte infolgedessen gut Norwegisch. Wahrscheinlich wird das der Grund zu seiner Kommandierung gewesen sein.

Er ist, wie Ihnen wohl Dr. Rörig mitgeteilt haben wird, seit 1933 von der NSDAP sehr verfolgt worden. Man hat ihm in seinem beruflichen Fortkommen die größten Schwierigkeiten gemacht. Er mußte aus der Beamtenlaufbahn - er war Gerichtsassessor - als Nicht-Mitglied der Partei und als mein Sohn 1933 ausscheiden. Während des Krieges hat der Kreisleiter der Stadt Aachen, Schmeer, bewirkt, daß er aus seiner Stelle als Direktor der Waggonfabrik Talbot in Aachen entlassen wurde, da er mein Sohn und politisch unzuverlässig sei. Es ist, wie Sie sich denken können, sehr schmerzlich für mich und meine Schwiegertochter - mein Sohn ist verheiratet und hat zwei Kinder -, daß gerade er, der niemals Mitglied der Partei gewesen ist, vielmehr wegen seines Widerstandes gegen diese immer zurückgesetzt und verfolgt wurde, nunmehr länger in Kriegsgefangenschaft bleiben muß als die meisten der in Norwegen internierten Deutschen. Er kann hier sofort nach seiner Rückkehr im Braunkohlenbergbau eine Stellung finden. Ich bin Ihnen, sehr verehrter Sir Sidney, sehr dankbar, wenn Sie helfen würden. Der entlassene Kriegsgefangene, der mir die obigen Angaben gemacht hat, hat mir gleichzeitig gesagt, daß man sich zweckmäßig an das Alliierte Oberkommando für Norwegen wenden müsse.

Ich würde mich sehr freuen, Sie einmal zu sehen.

Mit vielen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Dr. Adenauer)
Oberbürgermeister

Quelle: StBKAH 06.01. Abgedruckt in: Adenauer. Briefe 1945-1947 (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Berlin 1983, S. 112f.