5. Oktober 1945: Brief an Captain Albert C. Schweizer, München

Lieber Captain Schweizer,

Es freut mich sehr, von Ihnen etwas zu hören. Daß Sie in München waren, wußte ich, aber nicht, was Sie dort taten.

Ich höre aus Bayern gelegentlich durch persönliche Mitteilungen und aus dem Rundfunk. Die ganze Situation dort ist mir unverständlich. Ich möchte annehmen, daß die ganze Zuspitzung dort zurückzuführen ist auf die besondere Veranlagung der Süddeutschen, insbesondere der Bayern. Ich kann nur immer wiederholen, ich habe jetzt zwei Kreuze kennengelernt. Das alte Kreuz war entschieden besser. Ich würde mich sehr freuen, Sie wiederzusehen. Colonel Patterson war unlängst bei uns in Rhöndorf zum Wochenende, einige Zeit vorher Colonel Hiles. Es ist mir wirklich eine angenehme Erinnerung, daß diese ersten Monate der Besetzung auch ein persönliches Band zu den betreffenden Herren hergestellt haben. Irgendetwas Ähnliches ist bisher nicht eingetreten.

Die Eingemeindungspläne sind den maßgebenden Engländern zu weit vorausschauend. Sie wissen ja, daß bei den wenigsten auch einsichtigen Menschen Verständnis dafür besteht, daß man Bebauungspläne wenigstens in ihren großen Umrissen auf viele Jahre hinaus machen muß.

Mein Sohn Max ist inzwischen zurückgekehrt. Er war nur einen Tag in Heilbronn gewesen, er ist von dort nach einem amerikanischen Lager in Lothringen gebracht worden.

Ich mache mir jetzt von neuem Sorge um meinen ältesten Sohn, der in Norwegen ist. Man muß sich seinetwegen an das Alliierte Oberkommando Norwegen wenden. Ich lege Ihnen einen Durchschlag ein. Wenn Sie in der Angelegenheit Ihrerseits etwas tun können, würden Sie mich zu herzlichem Dank verpflichten.

Mit vielen Grüßen und in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen

Ihr

Quelle: StBKAH 06.01. Abgedruckt in: Adenauer. Briefe 1945-1947 (Rhöndorfer Ausgabe). Hg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Bearb. von Hans Peter Mensing. Berlin 1983, S. 114.