16. März 1946: Brief an William F. Sollmann, Pendle Hill, Wallingford/Pennsylvanien

William F. Sollmann (1881-1951), 1918-1924 Fraktionsvor­sitzender der SPD im Kölner Stadtrat, 1919-1933 MdR, 1923 Reichsminister des Innern im Kabinett Stresemann, nach 1933 in die USA emigriert, 1943 amerikanischer Staatsbürger.

Lieber Herr Sollmann!

Ich erhielt Ihren Brief vom 20.11.45 und habe mich lange nicht mehr über einen Brief so gefreut. Ich hatte sehnlichst immer gehofft, Sie in Köln zu sehen. Aber ich hatte schon sehr früh erfahren, dass das wohl unmöglich sein würde. Ich hatte mich auch an Fräulein Kraus indirekt gewandt und über denselben Weg gehört, dass zurzeit ein Herüberkommen nicht möglich sei. Das ist sehr schade; ich glaube, dass gerade Menschen wie Sie und Fräulein Kraus viel Gutes hätten tun können, insbesondere auch in politischer Hinsicht. Wie es bei uns aussieht, werden Sie ja in der Zwischenzeit aus den Schilderungen Ihrer Ver­wandten und Freunde gehört haben. Das deutsche Volk ist seelisch und materiell in einer Tiefe angelangt, die Schrecken erregend ist. Es wird einer sehr langen, sehr mühsamen und sehr planmäßigen Aufbauarbeit bedürfen, die natürlich in erster Linie vom deutschen Volke selbst geleistet werden muss, bei der es aber der Hilfe anderer Nationen bedarf.

[...]

Ich danke Ihnen sehr für Ihr freundliches Anerbieten, mir - wenn ich ein Anliegen hätte - behilflich zu sein. Ich habe augenblicklich nur ein Anliegen, aber ein sehr großes, und das ist folgendes:

USA kennt Europa nicht. Ich stand mit den Offizieren der amerikanischen Besatzung hier ganz ausgezeichnet und habe das immer wieder erfahren müssen, dass sie Europa nicht kennen. Daher ist USA auch geneigt, sich nicht für europäische Angelegenheiten zu interessieren. Und doch ist das ganz falsch. Wenn die europäische Kultur, die seit 30 Jahren schwer gelitten hat, ganz zugrunde geht, so wird das auch für USA von großer Bedeutung sein. Die Gefahr ist groß. Asien steht an der Elbe. Nur ein wirtschaftlich und geistig gesundes Westeuropa unter Führung Englands und Frankreichs, ein Westeuropa, zu dem als wesentlicher Bestandteil der nicht von Russland besetzte Teil Deutschlands gehört, kann das weitere geistige und machtmäßige Vordringen Asiens aufhalten. Helfen Sie doch, die Überzeugung in USA zu verbreiten, dass die Ret­tung Europas nur mit Hilfe von USA erfolgen kann und dass die Rettung Europas auch für USA wesentlich ist. Ich habe immer gern an Sie zurückgedacht, auch wenn wir manchmal verschiedener Meinung waren. Geistige Aus­einandersetzungen gehören zum Leben, und sie sind not­wendig zu jedem Fortschritt. Die geistigen Auseinander­setzungen mit Ihnen waren mir immer eine Freude. - Ich hoffe sehr, dass wir uns noch einmal wiedersehen. Meine Frau und mein Sohn Max - er war es, der 37 drüben war - und vor allem ich grüße Sie und Ihre Frau herzlich!

Ihr

Adenauer

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 42f.