16. April 1946: Brief an Hugo Efferoth, La Paz/Bolivien

Hugo Efferoth (1889-1946), sozialdemokratischer Journalist und Politiker, vor 1933 Redakteur der „Rheinischen Zeitung", 1934 nach Prag, 1939 nach Bolivien emigriert.

Sehr geehrter Herr Efferoth!

Vor einigen Tagen erhielt ich Ihren Brief vom 23. August 1945. Ich habe mich sehr gefreut, von Ihnen ein Lebens­zeichen zu erhalten. Ich hatte wiederholt mich nach Ihnen erkundigt, aber keinen getroffen, der Auskunft geben konnte. Herr Suth hat keinesfalls einen Brief von Ihnen erhalten, sonst würde er es mir mitgeteilt haben. Vielleicht haben Sie in der Zwischenzeit nähere Nachrichten von hier bekommen. Ich will Ihnen aber auf alle Fälle einen kurzen Überblick geben.

Köln ist in seinen Hauptteilen zerstört. Es zählt zwar wie­der z. Zt. 500.000 Einwohner. Aber schätzungsweise woh­nen 1/3 davon in Kellern oder mehr oder weniger zerstör­ten Gebäudeteilen. Ich habe manche deutsche Stadt in der letzten Zeit gesehen, aber keine große Stadt gefunden, die so zerstört ist wie Köln. Der Dom steht noch, aber große Teile des Daches sind abgedeckt. Die Gewölbe sind zum größten Teil eingestürzt. Immerhin, er lässt sich wieder herstellen. Vom Rathaus ist kaum noch etwas vorhanden. Die Vorhalle steht noch und ein Teil des Turms, sonst nichts. Vom Gürzenich stehen noch die 4 Umfas­sungsmauern. Die alten Kirchen Köln's sind sehr schwer zerstört. Sie lassen sich aber nach der Behauptung der Architekten, wenn erst genügend Materialien und Men­schen zur Verfügung stehen, doch in etwa wieder auf­bauen.

Es sieht sehr ernst aus hier! Größte Arbeitslosigkeit, eine sehr schwere Ernährungskatastrophe. Keine Aussicht auf Besserung. Am besten geben Ihnen folgende Ziffern ein Bild von der Lage in Köln:

Geburtenziffer monatlich rd. 250,

Sterblichkeitsziffer monatlich rd. 650.

Ansteckende Krankheiten herrschen nicht in besonderem Maße. Die Menschen sterben an Schwäche. Was aus allem werden soll, ist noch völlig unübersichtlich. Ich glaube aber, dass noch viele Millionen in Deutschland sterben werden. Die Menschen sind meistens apathisch und hoff­nungslos, die Jugend verwildert und verkommen. Die Verhältnisse von 1918 lassen sich auch nicht im entferntesten mit den Verhältnissen von heute vergleichen.

[...]

Es würde mich freuen, wenn Sie zurückkommen würden. Deutschland braucht erfahrene Männer. Es gibt sehr we­nige tüchtige Leute. Die beiden Kriege haben sehr große Lücken gerissen, und Nachwuchs ist infolge des verhee­renden Einflusses der NSDAP nicht da. Aber wie können Sie es möglich machen zurückzukommen? Von hier aus kann z. Zt. nichts geschehen. Vielleicht setzen Sie sich mit Herrn Sollmann in Verbindung, der mir vor einiger Zeit schrieb. Seine Adresse ist:

William F. Sollmann

Pendle Hill

Wallingford, PA.

Möglicherweise kann er Ihnen einen Rat geben. Wenn es z. Zt. nicht geht, dann warten Sie in Geduld. Wir brauchen alle sehr viel Geduld! Es ist unsere einzige Stärke. Seien Sie herzlich gegrüßt von

Ihrem ergebenen

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 44f.