22. Dezember 1946: Brief an Hans Schmitt, Köln

Hans Schmitt, als Pseudonym Hans Schmitt-Rost (1901-1978), Dr. rer. pol., 1933-1942 Redakteur der „Kölnischen Zeitung" und des „Kölner Stadt-Anzeigers", 1945-1966 Leiter des Nachrichten- und Presseamtes der Stadt Köln.

Sehr geehrter Herr Schmitt!

Mit bestem Dank bestätige ich den Empfang Ihres Schrei­bens vom 17. d. M. Der Aufsatz von Richard Tüngel ist insofern m. E. oberflächlich, als er übersieht, dass der Nationalsozialismus nichts anderes wie eine konsequente Weiterentwicklung des preußischen Staatsgedankens ist. Ob Berlin nicht so viele nationalsozialistische Stimmen aufgebracht hat, ist gleichgültig. Berlin ist ja doch nur der Sammelname für die „preußischen Bestrebungen". Ich möchte aus bestimmten Gründen nicht zu oft über diese Frage in der Öffentlichkeit das Wort ergreifen und daher einstweilen keinen Artikel schreiben. Aber vielleicht schreiben Sie dem Herrn Tüngel einmal und bitten ihn, Ihre Ausführungen abzudrucken. Ich würde das für sehr wirksam halten.

Sie haben recht, auch in Hamburg bildet sich ein kulturel­ler Zentralismus heraus. Er wirkt mit dem Kultur­zentralismus in Berlin und Hannover zusammen. Auch dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen! Ich begrüße es, wenn Sie sich gegen die Leitung des Rundfunks wenden. Der Nordwestdeutsche Rundfunk wird unseren Besonder­heiten wirklich nicht gerecht. Es ist ja eigenartig, wenn wir im Westen einmal von unserer besonderen Art sprechen, sind wir sofort Landesverräter. Die Schleswig-Holsteiner, die Niedersachsen, die Berliner, die Bayern, die Hessen usw. dürfen das alles tun, nur nicht wir Rheinländer.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 59f.