16. Januar 1947: Schreiben an Robert Graham, London

Robert Graham, maßgeblich an den Europasendungen der BBC während des Zweiten Weltkrieges beteiligt, nach 1945 Leiter der Sendereihe „German talks" der BBC.

Sehr geehrter Herr Graham!

Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Weihnachtswünsche, die jetzt in meinen Besitz kamen. Es ist ein eigenes Gefühl für einen Deutschen, mit den Persönlichkeiten, die er während der nationalsozialistischen Zeit so oft verbote­nerweise gehört hat, in persönliche Verbindung zu kom­men. Ich darf mir erlauben, Ihnen zu sagen, dass dieses Kennenlernen mir keine Enttäuschung gebracht hat.

Dem Jahre 1947 sehe ich sehr sorgenvoll entgegen, und zwar nicht nur als Deutscher, sondern auch als Europäer und als ein Mann, der von der Bedeutung des Abendlandes für die gesamte Menschheit zutiefst durchdrungen ist. Ich fürchte, dass man den 1918 begangenen Fehler in um ein Vielfaches verstärkter Weise wiederholt. Dabei bin ich mir über die Schuld des größten Teiles des deutschen Volkes völlig klar. Ich finde es weiter menschlich verständlich, dass diejenigen, die unter diesem Krieg so gelitten haben, ein für alle Male Schluss machen möchten mit Deutschland. Aber ich meine, es müssen sich doch auch in den alliierten Ländern Menschen finden, die an die kom­menden Generationen und die kommenden Zeiten denken.

Wenn Sie wieder zum Rhein kommen, so geben Sie mir bitte rechtzeitig Nachricht. Ich würde mich freuen, Sie zu sehen.

Meine Familie und ich wünschen Ihnen und den Ihrigen von Herzen alles Gute für 1947.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr sehr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 61f.