3. Juli 1947: Brief an Ria und Walter Reiners, Mönchengladbach

Ria Reiners (1912-1998; Tochter Adenauers), seit 1937 mit dem Fabrikanten Dr.-Ing. Walter Reiners (1908-1980) ver­heiratet.

Liebe Ria, lieber Walter!

Seit dem 28.6. sind wir im geliebten Chandolin. Es ist fast ganz unverändert und bei der durchweg prachtvollen Witterung einzigartig schön. Die Höhe vertragen wir gut, Mutter allerdings nicht so ganz Ia. Pont's sind sehr nett, Pierre Pont ist jetzt 86 Jahre und arbeitet stundenlang im Garten. - Wir waren eine Woche in Zermatt im Hotel Mont Cervin auf Einladung von Seiler. Gorner Gratfahrt sehr schön, nicht übernachtet, ebenso ein Maultierritt zum Schwarzsee (2700 m). Im Hotel ein geradezu glänzendes Essen, hier erheblich einfacher, aber nach deutschen Maß­stäben ausgezeichnet. Überhaupt die Schweiz! Alles da, wenn auch teuer.

Die Höhe vertragen wir gut, Mutter allerdings nicht so gut wie ich. - Leider müssen wir am 10.7. schon wieder von hier fort über Lausanne, Bern, Zürich, Lugano, Zürich nach Hause. Daheim wartet sehr viel politische Unruhe und Arbeit auf mich. - Es ist so schön hier, dass ich am liebsten alle Kinder, Schwiegerkinder und Enkel für einen Monat nach hier einladen möchte. Alles ist hier so voll von Erinnerungen an frühere schöne Wochen - die Luft ist nach wie vor gut -, dass man Euch sehr vermisst.

Wie mag es Euch gehen? Hoffentlich einigermaßen gut. Wir freuen uns, Euch alle 4 bald wiederzusehen. Mutter will noch etwas schreiben.

Herzlichst

Vater, Schwiegervater und Großvater

[P.S.] Die Aufnahme ist überall ungemein freundlich und liebenswürdig, auch seitens des Bundespräsidenten und einiger Nationalräte und Staatsräte, mit denen ich gespro­chen habe.

[P.S. Gussie Adenauers] Alles, alles, Ihr Lieben, erinnert an Euch, und es wäre herrlich, Euch hier zu haben. Es ist wie ein Traum! Trotz der tollen Eindrücke in den Städten und der Liebe, die uns entgegengebracht wird, muss man dauernd an die arme Heimat denken. - Bei allem Genuss hat man immer einen „Knubbel" im Hals. In 14 Tagen sind wir wieder zu Hause, dann gibt es viel zu erzählen. Hier in Chandolin ist die Welt stehen geblieben.

Gruß und Kuss

Mutter

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 68-70.