27. März 1948: Schreiben an Jakob Kindt-Kiefer, Otelfingen-Zürich

Jakob Kindt-Kiefer (1905-1978), Dr. phil. et jur., aus dem Saarland gebürtiger Schriftsteller, ab 1935 in der Emigration in der Schweiz, 1945/46 Vorstandsmitglied der Arbeits­gemeinschaft „Das demokratische Deutschland", 1946 Mitbegründer der „Vereinigung Christlich-Demokratisches Deutschland in der Schweiz".

Sehr geehrter Herr Kindt-Kiefer!

Nach meiner Rückkehr drängt es mich, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mit Freude und Genugtuung der mit Ihnen verbrachten Tage gedenke. Die Aussprache mit Ihnen hat mir einen ausgezeichneten Eindruck in das umfassende Hilfsprogramm der Christlichen Nothilfe [vermittelt]. Ich wünsche von Herzen, dass Sie mit Erfolg auf dem einge­schlagenen Wege fortschreiten. Das gilt insbesondere von der Hausbauaktion, der ich die denkbar größte Bedeutung beimesse. Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mich darüber auf dem laufenden hielten. Auch an die Besprechungen am Dienstagnachmittag denke ich mit großer innerer Befriedigung zurück, namentlich an den letzten Teil unserer Besprechung. Ich hoffe, ja ich bin überzeugt davon, dass Sie sich mit der Vermittlung dieser Aussprache ein außerordentlich großes Verdienst erworben haben.

Über die geistige Hilfe, die die Christliche Nothilfe uns zuteil werden lassen kann, habe ich mir in der Zwischen­zeit allerhand Gedanken gemacht. Ich denke, dass wir uns in absehbarer Zeit einmal darüber aussprechen können. Heute darf ich Ihnen vielleicht folgende Anregung mitteilen, die ich Sie zu überlegen bitte: Bei unserer Arbeit, insbesondere auch bei öffentlichen Reden, wird uns von sozialdemokratischer und kommunistischer Seite, insbe­sondere aber auch von ernst zu nehmenden Exponenten der Sozialdemokratie, immer wieder entgegengehalten: „Was hat das Christentum seit 1000 Jahren geleistet? Wie hat es versagt?" Ich glaube, dass es gut wäre, wenn man in einer leicht fasslichen Darstellung einmal objektiv nieder­legte, welchen Einfluss das Christentum von Anbeginn und im Laufe der Entwicklung auf die Geschicke der Menschheit in positivem, in gutem Sinne genommen hat, wie durch den Eintritt des Christentums in die Vor­stellungswelt und in die geistige Welt des Abendlandes überhaupt ein Wandel zum Guten hin eingetreten ist. Des weiteren meine ich, man könnte die Werke der Barm­herzigkeit, die bis zum heutigen Tage auf den verschie­densten Gebieten getan worden sind und getan werden, alle doch zurückführen auf die christliche Wurzel und könnte so denjenigen Kreisen, die am Christentum zwei­feln, weil sie keine positiven Erfolge zu sehen glauben, beweisen, dass das Christentum immer wieder, und zwar alles in allem genommen mit großem Erfolge, die Mensch­heit zu einer höheren Stufe emporgehoben hat. Perioden der Erschlaffung, ja des Zurückweichens vor den Mächten des Bösen, wie die unsrigen, dürfen einem da den Blick nicht trüben. Das Werk müsste sich in seinem ganzen Niveau weit über eine Gelegenheitsschrift hinausheben und würde wohl am besten von einem Schweizer Herrn geschrieben werden. Bitte, überlegen Sie, ob eine derarti­ge Apologetik der Tat des Christentums nicht sehr wert­volle Dienste leisten kann.

Die nötigen Schritte wegen Schaffung eines Wohnsitzes für Sie in Köln habe ich eingeleitet. Ich danke Ihnen nochmals, auch für meine Tochter, für Ihre Gastfreund­schaft, die mich tief berührt hat, und bin mit vielen Grüßen

Ihr sehr ergebener

(Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 75f.