5. Juli 1948: Schreiben an Alfred Mozer, Amsterdam

Alfred Mozer (1905-1980), Journalist und sozialdemokrati­scher Politiker, 1933 in die Niederlande emigriert, Auslands­sekretär der 1946 gegründeten „Partei der Arbeit", maßgeb­lich an der Kontaktaufnahme mit den westdeutschen Nachkriegsparteien beteiligt, 1958-1970 Kabinettschef des Vizepräsidenten der EWG/EG-Kommission, Sicco Mansholt.

Sehr geehrter Herr Mozer!

Auf Ihr gefl. Schreiben vom 25. Juni d. Js. erwidere ich Ihnen ergebenst, dass die „Londoner Empfehlungen" kata­strophal sind; der Versailler Vertrag ist dagegen ein Rosen­strauß. Das im einzelnen auseinanderzusetzen, würde zu weit führen. Ich hielt es für nötig, dass die deutschen Parteien, mit Ausnahme der KPD, gemeinsam ihre Ablehnung zum Ausdruck brächten. Ich versprach mir davon einerseits doch einen gewissen Eindruck bei den Alliierten, auf der anderen Seite leitete mich die Absicht, einer kommenden nationalistischen Partei in Deutsch­land, möge sie nun links- oder rechtsradikal sein, nicht den Propagandavorwand zu geben, dass die anderen Par­teien versagt hätten.

Ich habe mich zuerst an den Vorstand der Sozial­demokratischen Partei gewandt, um eine solche gemein­same Stellung herbeizuführen; falls ein Übereinkommen mit der SPD erzielt worden wäre, sollten Verhandlungen mit den anderen Parteien folgen. Leider waren die Herren vom sozialdemokratischen Parteivorstand, Ollenhauer, Heine, Henßler, nicht zu einer gemeinsamen Stellungnahme zu bewegen. Sie waren zwar in der Beurteilung der „Londoner Empfehlungen" mit mir völ­lig einig, erklärten aber, es handele sich um eine provi­sorische Regelung, und weiter, eine gesonderte Erklärung der einzelnen Parteien wäre nach ihrer Auffassung noch wirkungsvoller. Ich habe sehr bedauert, dass dieser Anfang der Zusammenarbeit der beiden großen deutschen Parteien fehlgeschlagen ist. Es wäre ein Anfang gewesen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr (Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 77f.