25. August 1948: Brief an Georg und Paul Adenauer, Chandolin, Schweiz

Paul Adenauer (1923 geborener Sohn Adenauers), später zum Dr. rer. pol. promoviert, 1963-1969 Direktor des Katho­lischen Zentralinstituts für Ehe- und Familienfragen e.V. (Köln), 1969-1976 Pfarrer in Schildgen. - Georg Adenauer (1931 geborener Sohn Adenauers), später zum Dr. jur. promoviert und als Notar in Schleiden/Eifel tätig.

Lieber Paul, lieber Georg!

Ich diktiere diesen Brief, weil ich sonst doch nicht dazu komme, Euch einen längeren Brief zu schreiben. Euer aus­führlicher Brief, der erste, der eintraf, hat mich wirklich sehr beruhigt. Ich begann schon, mir Unruhe Euretwegen zu machen, und wollte namentlich wissen, wie lange Ihr dort bleiben würdet und wo Ihr dann hingehen würdet. Euren Gedanken, zum Vierwaldstättersee zu gehen, finde ich sehr gut. Ich denke, dass Ihr dort auch ein passendes Unterkommen finden werdet für einige Tage, weil die Schweizer Ferien ja nunmehr vorbei sind. Ich rate Euch aber dringend, den Zwischenaufenthalt nicht zu kurz zu bemessen, sondern auf etwa 5 Tage. Es ist ein derartiger eingeschobener Zwischenaufenthalt für Eure Gesundheit notwendig.

Libet ist am Montag recht froh nach Flüeli abgereist. Die Adresse ist: Internationales Studentinnenlager der Pax Romana, Jugendhaus, Flüeli über Sachseln. Wahrschein­lich wird sie sie Euch aber schon geschrieben haben oder noch schreiben.

[...]

Ich führe das übliche Leben: viel Reisen. Samstag und Sonntag haben wir noch den Parteitag der britischen Zone in Recklinghausen. Am Montag hoffe ich dann, nach Interlaken abfahren zu können. Wie lange ich dort bleibe und wo ich dort wohne, steht nicht fest, da ich ja völlig abhän­gig bin von dem Büro der Europäischen Union. Ihr wisst, dass man keine Devisen bekommt.

Irene und Konradin sind mit Keuchhusten bei uns, ebenso Schwester Cilli. Sie wird morgen oder übermorgen abgelöst durch Lotti Müller. Sie muss dann zu Lola zurück, die ja auch dringend ihrer Hilfe bedarf.

Konrad hat seine Zelte in der Rondorferstraße abgebro­chen und ist nun heimgekehrt zu seiner Frau und seinen Kindern nach der Max-Bruch-Straße 6. Die Taufe des klei­nen Georg, dessen Pate übrigens nicht Schorsch ist, son­dern Dieter und Libet, verlief sehr schön und sehr stimmungsvoll. Sie wurde durch den Kardinal-Legaten selbst vorgenommen, der gleichzeitig noch drei andere Kinder taufte. Auch der Kaffee in der Max-Bruch-Straße 6, bei dem auch Ria und Walter mit ihren Kindern anwesend waren, verlief sehr nett.

Das Domfest war glanzvoll. Es war eine imposante Kundgebung abendländischen Christentums und hat die kulturelle, überragende Bedeutung Köln's in Deutschland jedem klargemacht.

Pont's grüßt recht herzlich und auch die anderen Leute, die dort Grüße an mich übermittelt haben.

Ich bin in Gedanken viel bei Euch, und es tut mir sehr leid, dass ich nicht nach Chandolin kommen kann. Das Wetter ist hier nach wie vor sehr veränderlich. Hoffentlich ist es dort besser.

Mit dem Erzbischof habe ich noch nicht sprechen können. Man kann eine solche Angelegenheit nicht bei Gelegenheit eines festlichen Zusammenseins, bei dem er sehr in Anspruch genommen ist, besprechen. Ich werde aber rechtzeitig mit ihm darüber sprechen. Nun genießt die wenigen Tage, die Ihr nach Eintreffen dieses Briefes noch haben werdet, recht sorgfältig und dankbaren Herzens.

Nehmt einen Gruß und Kuss von

Eurem Vater

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 79-81.