16. Mai 1949: Brief an Ada Deichmann, Wynberg/Kapprovinz, Südafrika

Ada Deichmann (1886-1975), Ehefrau des Kölner Bankiers Karl Deichmann, Mutter der Ehefrau des 1945 hingerichteten Widerstandskämpfers Helmuth James Graf von Moltke, Freya von Moltke, 1909-1918 städtische Armenpflegerin in Köln, nach 1945 vorübergehend in Südafrika ansässig.

Liebe Frau Deichmann!

Herzlich danke ich Ihnen für Ihren Brief vom 17. März. Die Schilderung der Verhältnisse dort, die Ihr Brief ent­hält, interessiert mich sehr. Sie ist geeignet, in mehr wie einer Hinsicht falsche Vorstellungen, die man von Süd-Afrika hat, zu zerstören.

In der Zwischenzeit sind die Ereignisse in Europa auch ihren Gang weitergegangen. Ich riet Ihnen damals im Hinblick auf drohende Kriegsgefahr, so lange wie möglich dort zu bleiben. Es scheint, als wenn die unmittelbare Kriegsgefahr wenigstens zunächst behoben ist. Die Pariser Konferenz, die ja am 23. beginnt, erfüllt uns wegen der zeitweise etwas unklaren Haltung von USA mit einiger Sorge. Wir befürchten, dass Zugeständnisse an Russland gemacht werden, bei denen zum großen Teil Deutschland der Preis sein würde, den Amerika eventuell für Ruhe zu zahlen bereit sein würde. Andererseits ist doch in England die russische Gefahr so deutlich erkannt worden, und ich glaube, dass man auch gerade im Foreign Office die Bedeutung Deutschlands als Schutzwall gegen die kommunistische Sturmflut so klar erkannt hat, dass wir doch hoffen können, es wird nichts in Paris geschehen, was uns wirklich schädigt. Die Blockade Berlins ist zwar aufgehoben, aber es besteht alles andere als freier Verkehr mit Berlin. Der Verkehr mit Berlin ist denselben Schwierigkeiten unterworfen, die im März 1948 bestan­den haben. Zur Aufhebung der Blockade am 12. Mai war ich mit einer Anzahl von Mitgliedern des Parlamentari­schen Rates in Berlin. Die Freude der Berliner war sehr groß. Aber eine gewisse Enttäuschung zeigte sich doch bei allen Einsichtigen. Sie hatten geglaubt, es würden alle Ver­kehrsbeschränkungen wegfallen. Der gesundheitliche Zustand der Berliner Bevölkerung ist verhältnismäßig gut. Aber die Leute sehen doch sehr schlecht aus und sind auch sehr schlecht gekleidet. Alles in allem genommen sind die Verhältnisse dort so, wie sie bei uns vor etwa 2 Jahren waren. Das gleiche gilt auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Wir haben im Hinblick auf die Pariser Konferenz die Arbeiten im Parlamentarischen Rat zum Schluss außer­ordentlich beschleunigt und das Grundgesetz für die drei Westzonen nach sehr anstrengenden Wochen am 8. [Mai] verabschiedet, und zwar gegen die Stimmen des Zen­trums, einiger Mitglieder der CSU, der Deutschen Partei und der Kommunisten. Es findet nunmehr in den Land­tagen die vorgesehene Abstimmung statt. Möglicherweise wird der Bayerische Landtag dagegen stimmen. Aber da das Grundgesetz für alle 11 Länder der drei Zonen gilt, wenn es in 2/3 der Länder angenommen ist, ist es ohne Zweifel, dass es demnächst geltendes Recht wird. Am 23. Mai, dem Tage des Beginns der Pariser Konferenz, wird der Parlamentarische Rat in einer feierlichen Schluss-Sitzung die Annahme durch die Landtage feststellen und das Grundgesetz verkünden. Dann beginnt die Vorbereitung zu den Bundestagswahlen, die von entscheidendster Bedeutung sein werden. Wenn irgend möglich, sollten die Wahlen noch im Laufe des Juli abgehalten werden, damit die Deutsche Bundesregierung noch im Laufe des Sommers ihre Arbeit aufnehmen kann.

Das Besatzungsstatut ist in der Zwischenzeit auch verkündet worden. Es bedeutet einen sehr wesentlichen Fortschritt gegenüber dem jetzigen Zustand. Bonn ist einstweilen Sitz des Bundes. Die Sozialdemokratie stimmte geschlossen für Frankfurt. Ich freue mich, dass Bonn Sitz des Bundes wird. Die Umgebung, die geistige Atmosphäre wird auch von großem Einfluss sein. Wenn Sie zurückkommen, werden Sie also manche Veränderung hier vorfinden, aber wie ich glaube, zum Besseren.

Ich freue mich, Sie bald wiederzusehen, und bin mit herzlichen Grüßen wie immer

Ihr

(Dr. Adenauer)

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 87-89.